Die schwere Bürde des Reinhold Rehs

Nach dem Nürnberger Parteitag der SPD steht der Vertriebenen-Präsident zwischen den Fronten von Dietrich Strothmann

Schon einmal, vor genau zwanzig Jahren, sah sich Reinhold Rehs gezwungen, „intensive Inventur“ zu machen. Das war, als sich der Rechtsanwalt aus Ostpreußen, zuletzt Oberzugführer des Danziger Brandschutzkommandos, dazu durchrang, Sozialdemokrat zu werden – nachdem alles in Scherben zerfallen war. Rehs war kein Nazi gewesen, aber damals war für ihn eine Welt zerbrochen.

Jetzt zerbrach für Reinhold Rehs, den Präsidenten des Bundes der Vertriebenen und langjährigen SPD-Bundestagsabgeordneten, abermals eine Welt – am 18. März 1968 in Nürnberg. Vor dem Parteitag plädierte Außenminister Willy Brandt unter dem Beifall der Delegierten für eine vorläufige Anerkennung der Grenze an Oder und Neiße. Rehs saß in der ersten Reihe. Als sein Parteivorsitzender gesprochen hatte, stand er auf und verließ den Saal. Anderntags schickte er Brandt ein Protesttelegramm, „infolge Erkrankung an der weiteren Teilnahme am Parteitag verhindert...“

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Seitdem folgten die Salven Schlag auf Schlag. Nach drei Tagen hieß es auf Rehs Anweisung noch milde, mit seiner Erklärung habe der Minister „eine ernste Lage geschaffen“ und die alte Zusage außer acht gelassen, daß „nichts hinter dem Rücken der Vertriebenen geschehen soll“. Doch weitere zehn Tage darauf, nach der Wiederwahl des Vertriebenen-Präsidenten Rehs klang es drohend und aufrührerisch: „Bereitschaft zum Verzicht... Wortbruch ... Anerkennung von Vertreibung und Annexion ist Kapitulation vor brutaler Gewalt... zweifelhafte und zwielichtige Haltung... keine Partei und kein Parteitag, kein Politiker und keine Regierung der Bundesrepublik Deutschland ist legitimiert, Vorleistungen zu erbringen und auf deutschen Boden zu verzichten.“

Doch was Herbert Wehners Zorn zur Weißglut brachte, warum der gesamtdeutsche Minister von der Gefahr eines „innerdeutschen Kalten Krieges“ sprach, war vor allem die Ankündigung der Vertriebenen: „Der Wähler wird bei der nächsten Gelegenheit zu entscheiden haben, ob er einer Partei seine Stimme geben kann, die gewaltsam geschaffene Unrechtstatbestände anerkennt und respektiert.“ Das wirkte, mit Billigung des SPD-Bundestagsabgeordneten Reinhold Rehs, wie eine Kampfansage an die eigene Partei, fast wie ein Aufruf zur Revolte. Niemals zuvor in der Geschichte des Vertriebenenverbandes hatte es einen solchen Eklat gegeben – mit der Regierung, mit einer der Bonner Parteien. Und es schien so, als müßte Rehs noch einmal Inventur machen.

Gerüchte machten nach dem „schwarzen Montag“ von Nürnberg die Runde: der Präsident solle wegen parteischädigenden Verhaltens aus der SPD ausgestoßen werden; Rehs müsse sein Parteibuch zurückgeben oder auf sein Vertriebenenamt verzichten. Als dann aber nichts geschah, kein Ausschluß, kein Austritt, als Wehner nach seiner ersten Erregung den Sozialdemokraten im Vertriebenenvorstand gar das Angebot machte, sie gegen die „Beleidigungen der BdV-Entschließung“ in Schutz zu nehmen – da kam auch wieder der alte Vorwurf der radikal Gesonnenen im eigenen Lager auf: Rehs sei ein Weichling, er habe zuwenig Rückgrat.

Nun trifft es zu, ohne Zweifel, daß Reinhold Rehs von anderem Zuschnitt ist als der inzwischen verstorbene Seebohm, der die Bonner Kanzler Adenauer und Erhard durch seine „Sonntagsreden“ oft genug in Rage brachte. Er hat auch nicht die Dickschädligkeit seines Vorgängers Wenzel Jaksch, der dem SPD-Vorstand manches Mal seine Mitgliedschaft aufkündigen und sogar eine eigene Partei gründen wollte. Rehs ist auch nicht von der aggressiven Art eines Hans Edgar Jahn, seines einen Vizepräsidenten und Anführers des Propagandaklubs „Arbeitsgemeinschaft demokratischer Kreise“, oder eines Walter Becher, des neuen sudetendeutschen Lautsprechers.

Der fünfte Präsident der 2,4 Millionen organisierten Vertriebenen, des nach den Gewerkschaften zweitstärksten Verbandes, ist kein Machtpolitiker und auch kein Trommler. Temperamentsausbrüche, eifernde Proteste, rhetorische Entgleisungen passen nicht zu dem 67jährigen Lehrersohn aus Klinthenen, Kreis Gerdauen, Ostpreußen. Eher ist Milde seine Kennmarke, Maßhalten sein Prinzip. Engstirniger Ideologie, welcher Art auch immer, ist er abhold; freilich mangelt es ihm ebenso an Leuchtkraft. Rehs ist, im guten Sinne gesprochen, alles andere als eine Führernatur. Er ist ohne Charisma; er war eigentlich nicht berufen, gemessen an seinen Fähigkeiten, seinem Talent, einem so einflußreichen, mächtigen Verband heterogener Gruppen vorzustehen.

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