Von H. C. Nonnemann

Mitte März 1966 landete ich zum erstenmal, zusammen mit einem Teil einer deutschen Regierungsdelegation, auf dem kleinen Flugplatz in Hué. Wir wollten die deutschen Ärzte besuchen, die dort an der Universität die Medizinische Fakultät aufbauen halfen. Vom Flughafengebäude, dessen Silhouette entfernt an ein märkisches Bauernhaus erinnerte, kamen uns Professor Krainick, der Kinderarzt, und Dr. Discher, der Internist entgegen.

Uns Vietnam-Neulingen war damals diese Hué-Reise in einer DC 6 der Air Vietnam gefährlich erschienen. Aber die Deutschen in Hué versicherten uns, sie fühlten sich so sicher wie in Abrahams Schoß. Doch nachts fuhr uns Dr. Discher stets mit seinem alten Volkswagen ins Hotel zurück, das zu Fuß in wenigen Minuten zu erreichen gewesen wäre. In seinem Auto wären wir sicherer, überredete er uns: denn niemand kenne uns, alle aber ihn und seinen VW.

Professor Krainick und Dr. Discher stritten damals verbissen darum, ihre Arbeit in Hué fortführen zu können. Fünf Jahre lang hatten sie unvorstellbare Schwierigkeiten überwunden, die der Aufbau der Fakultät mit sich brachte – Dr. Discher zum Beispiel hatte über ein Jahr dazu gebraucht, in den von ihm betreuten Pavillon des Krankenhauses fließendes Wasser gelegt zu bekommen. Aber noch aufreibender waren die Kämpfe mit den Behörden in Bonn und Saigon. Zeitweise wußten die deutschen Ärzte in Hué nicht einmal, von wem sie bezahlt würden – und ob überhaupt. Die südvietnamesische Regierung, der Hué immer suspekt war, besonders seine Buddhisten und Studenten, zeigte im besten Fall eine mißtrauische Indifferenz; manchmal sperrte sie notwendige Mittel und Unterstützung. Und die Bundesrepublik nahm zeitweise gar nicht von den deutschen Ärzten Notiz.

So mühten sie sich zäh und unbeirrt ab: nicht für Bonn und nicht für Saigon, sondern weil sie das Leiden des vietnamesischen Volkes zu ihrer eigenen Sache gemacht hatten; weil in diesem Land ein Arzt fünfzehntausend bis zwanzigtausend Einwohnern gegenübersteht; weil allein die Ausbildung von vietnamesischen Ärzten die ärztliche Versorgung der Bevölkerung auf die Dauer verbessern konnte. Sie blieben, wenn auch oft die Schwierigkeiten unüberwindlich erschienen. Tag um Tag, Woche um Woche begannen sie von neuem. Ihre Patienten und Studenten dankten es ihnen.

Als ich dann im September 1966 mit dem deutschen Hospitalschiff „Helgoland“ nach Vietnam zurückkehrte, ergab sich spontan eine freundschaftliche Zusammenarbeit, besonders mit Dr. Discher, soweit das bei den spärlichen Kommunikationsmöglichkeiten in diesem Land überhaupt möglich war. Ich habe diese vietnamerfahrenen Ärzte gern um Rat gefragt und manches von ihnen gelernt. Anfang 1967 kam auch Dr. Alteköster nach Vietnam und arbeitete in Hué.

Ein letztes Mal traf ich Dr. Discher im Juni 1967. Auf der vielbeschriebenen Terrasse des Hotel Continental in Saigon schmiedeten wir Pläne, wie wir die Bürokratie überlisten und die Medizinische Fakultät in Hué trotz aller entmutigenden Rückschläge weiter ausbauen könnten. „Ihnen geht es wahrscheinlich genauso wie mir,“ sagte Dr. Discher. „Eines Tages merkt man, daß man dieses eigenartige Land und dieses Volk liebt und an ihm hängt.“