Jene beiden Inselgruppen nördlich der letzten schottischen Siedlung wirken wie Signalfähnchen vom höchsten Mast eines Schiffes. Dort liegen die Orkney- und die Shetlandinseln. Dort, wo sich der Atlantik mit der Nordsee begegnet, liegt eine höchst eigenartige Welt, eine Welt der Klippen, der Meere, ziehender Wolken, seltener Vögel und seltsamer Fischer. Es ist ein fast vergessener Archipel, der einmal zur Wikingerzeit eine historische Rolle gespielt hat, auch heute noch interessante Merkmale aus jenen Zeiten trägt, in denen die Edda auswendig zitiert wurde und eine Sprache zur Verständigung diente, die dem Altisländischen verwandt gewesen ist, und von denen sich auch heute noch hörbare Spuren gehalten haben. Wenige Gegenden in Europa scheinen derartig weit von der Gegenwart entfernt und waren doch schon zur Steinzeit bewohnt. Tatsächlich besitzen beide Inselgruppen die besten Zeugnisse prähistorischer Siedlungen in Großbritannien.

Die Orkneys liegen der schottischen Küste am nächsten. Man sieht ihre Konturen und Hügel vom nördlichsten schottischen Kap. Ein Dampfer täglich von Scrabster bringt den Gast (nebst Wagen) hinüber nach Stromness, von wo eine ausgezeichnete Autostraße nach atemberaubender Fahrt zur Hauptstadt Kirkwall führt. Wenn man die wilde, dramatische Küste verläßt, kreuzt man über Heide und Hügel, vorbei an Seen, die für ihre Forellenfischerei berühmt sind, nach Stenness und Harray. Dann folgt das gewaltige Hünengrab von Maeshowe, 3000 Jahre alt, das besterhaltene von Europa.

Kirkwall selbst ist ein uralter Hafen. Hier findet man einen alten Dom, dem heiligen Magnus geweiht, dem Patron dieser Inselgruppe. Der Ort ist ein idealer Stützpunkt, um die Hauptinsel auf dem Fußweg zu durchforschen oder sich im Boot nach anderen Orkneyinseln übersetzen zu lassen, 70 an der Zahl. Besondere Gelegenheit ist dem Hochseefischer gegeben. Der Besucher kann aber auch Golf spielen oder im Juni die Mitternachtssonne beobachten. Die Orkneys sind ein Paradies für Botaniker, Archäologen, Ornithologen und alle Liebhaber wilder und noch nicht kultivierter Landschaft. (Wer privat wohnen möchte, sollte an den Town Clerk, Stromness schreiben).

Während die meisten Einwohner der Orkneys Landwirte und Schafzüchter sind, so ist die Fischerei die Hauptindustrie auf den Shetlandinseln, die berühmte Wollwaren, Tweedstoffe, Reisedecken und Schals produzieren. Dieser nördlichste Teil der Britischen Inseln wirkt wie ein kurzweiliges Mosaik. Es gibt dort über 100 Inseln, von denen aber nur zwölf bewohnt sind. Man kann die Inseln per Flugzeug von Aberdeen erreichen. Aber eine Meerfahrt ist viel aufregender, denn dem Gast bietet sich eine Szenerie wildesten Meeresaufruhrs, wenn sein Schiff an Sumburgh Head vorbeifährt, der Südspitze des Archipels. Steilste Klippen und sandige Buchten, bevor der Dampfer an vielen Inseln vorbeistreicht, um den Schutz der inneren Insel zu suchen. Klima und Geschichte haben Spuren hinterlassen. Die Häuser sind aus Granit gebaut. Von der Hauptstadt Lerwick aus führt eine Autostraße von 52 Kilometer Länge um die Hauptinsel herum.

Ein Besuch der Shetlands ist besonders für Philologen interessant, denn auf diesen äußeren Inseln (Unst, Yell, Fetlar, Foula, Burra) wird noch ein skandinavischer Dialekt gesprochen. Die Landschaft ist den schwersten Stürmen des Atlantik ausgesetzt. Bäume existieren nicht mehr. Torf ist Feuerungsmittel. Kohle wäre viel zu teuer. Shetland-Ponys laufen hier wild herum. Sie sind die kleinste Abart ihrer Zucht. Die Inselwelt ist aber vor allem ein Paradies für Fischer. Für den Ornithologen gibt es ungezählte Gelegenheiten, jene Seevögel zu beobachten, die niemals südlicher ziehen und gewöhnlich auf unzugänglichen Felsen im Atlantik, wie Rockall, St. Kilda, nisten.

Wie überall auf abgelegenen Inseln ist auch hier die Gastfreundschaft groß. Die Menschen sind zuerst mißtrauisch und verschlossen, tauen aber bald auf. Sie huldigen noch immer seltsamen Feuerriten aus unvordenklichen Zeiten. Wenn man allerdings die Sonne im feurigen Glanz über dem Atlantischen Ozean untergehen sieht, versteht man den magischen Zauber des wärmenden Feuers auf diesen Inseln im äußersten Norden, dieser letzten Inseln Thule. Alex Natan