„Ein normaler Fall aus dem Schulalltag“ – Lehrer solidarisieren sich mit aufmüpfigen Schülern

Bremen

Siebzig Jahre nach dem Tod des englischen Zeichners Aubrey Beardsley (1898) sind zwei Bremer Schüler über eine Beardsley-Zeichnung gestolpert. Siebzig Tage nach den Bremer Straßenschlachten um die Tariferhöhung der Straßenbahn, geriet die Autorität der politischen Repräsentanz im kleinsten Bundesland erneut ins Wanken. Diesmal fand die Schlacht im Saale statt: Schüler stürmten und besetzten ein Lehrerzimmer und traten in einen Schulstreik, Pädagogen taten sich zu einer „Aktionsgemeinschaft demokritischer Lehrer“ zusammen, die Schulbehörde entschloß sich unter massivem Druck nach achtzehn Tagen endlich zu einer Erklärung vor der Öffentlichkeit.

Jörg Streese, 21 Jahre alt, und Michael Schultz, 19 Jahre alt, Mitglieder des Unabhängigen Schülerbundes (USB), Schüler des einzigen Wirtschaftsgymnasiums der Hansestadt, wurden aus ihrer Schule geworfen, weil sie ein von ihnen herausgegebenes Faltblatt mit einer – laut Behörde – „eindeutig obszönen“ Zeichnung Beardsleys aus dessen Lysistrataserie, „in Mengen, zum Teil in ganzen Packen“ vor und in anderen Schulen verteilt haben. Das Amtsgericht beschlagnahmte 203 von 10 000 Faltblättern, „weil der Inhalt der Druckschriften durch die Abbildung von übergroßen Geschlechtsteilen das Schamgefühl offensichtlich grob verletzt“. Streese hat als Herausgeben des Faltblattes ein Verfahren wegen Verbreitung jugendgefährdender Schriften zu erwarten.

Sturm aufs Lehrerzimmer

Was sonst – so Bildungssenator Thape – „ein normaler Fall aus dem Schulalltag“ ist – seit 1962 wurden 23 Gymnasiasten in Bremen mit Schulentlassung bestraft – geriet diesmal zur Skandal. Nach dem „mit überwiegender Mehrheit“ vom Kollegium des Wirtschaftsgymnasiums gefaßten Beschluß, Streese und Schultz von der Schule zu entfernen und nach Billigung dieser Maßnahme durch die Schulbehörde, hagelte es Proteste. Mitglieder des USB riefen zu einem Schulstreik auf. Etwa 50 Schüler stürmten das Lehrerzimmer im Wirtschaftsgymnasium, um ein Gespräch mit dem Schulleiter, Oberstudiendirektor Stahl, über die Bestrafung von Streese und Schultz zu erzwingen. Die Schulleitung holte die Polizei. 24 Stunden danach kam es zu einem turbulenten Schulstreik, für den es in der Schulgeschichte der Hansestadt kein Vorbild gibt. Mehrere hundert Schüler des Wirtschaftsgymnasiums und des benachbarten Alten Gymnasiums weigerten sich morgens auf dem Schulhof, ihre Klassen aufzusuchen und verlangten eine Diskussion über den „Fall Streese und Schultz“. Verzweifelte Versuche einiger Lehrer, ihre ungehorsamen Schüler zur Ordnung zu rufen („wer nicht ’reinkommt, wird ins Klassenbuch eingetragen“) wurden ignoriert oder mit Gelächter quittiert. Der Unterricht fiel aus. Man zog in die gemeinsame Aula.

Dort kämpften die Schüler mit harten Bandigen gegen Friedhelm Schneider, den Klassenlehrer der Bestraften. Ihm wurde vorgeworfen, mit Druck und Androhung von Strafen auf kritische Äußerungen von Schülern zu reagieren. Dem leitenden Beamten der Schulbehörde, Senatsdirektor Kreuser, wurde die Bitte vorgetragen, Streese und Schultz nach den Osterferien wieder in die Schule aufzunehmen. Während der erregten Debatte bestritt ein Lehrer, Oberstudienrat Ide vom Alten Gymnasium, einer Gesellschaft, die „Filmreklame und anderes“ zulasse, das Recht, sich über eine Zeichnung von Beardsley sittlich zu entrüsten. Ein evangelischer Theologe erklärte: „Meine fünfjährige Tochter hat sich bei Betrachtung des Bildes furchtbar gelangweilt. Wenn sie einmal fünfzehn Jahre alt ist, wird sie ganz andere Bilder gesehen haben. Dafür werde ich sor-> gen.“ Ein Oberschüler erklärte: „Die Lehrer projizieren ihre eigenen psychischen Schwierigkeiten auf Streese und Schultz.“