Von Erwin Lausch

Die Kontinente, die wir gern als Festland bezeichnen, sind nicht fest verankert. Auf gewaltigen Fließbändern tief im Innern der Erde treiben sie langsam dahin. Ozeane entstehen, wo Festlandblöcke sich spalten und wo die Teile in entgegengesetzte Richtungen wandern. Andere Landteile, einst weit entfernt voneinander, vereinigen sich.

Über ein halbes Jahrhundert, seit der deutsche Meteorologe und Polarforscher Alfred Wegener die Kontinentalverschiebungstheorie aufgestellt und dadurch einen erbitterten Streit unter den Erdwissenschaftlern ausgelöst hat, hat die kühne Hypothese weitgehend Anerkennung gefunden. Geophysiker und Meeresforscher, Paläontologen und Geologen melden immer neue Forschungsergebnisse, die für eine Kontinentalverschiebung sprechen, ja, die überhaupt nur verständlich erscheinen, wenn man annimmt, daß die Erdteile im Laufe der Erdgeschichte ihre Positionen drastisch verändert haben.

Schon vor rund dreieinhalb Jahrhunderten war dem englischen Philosophen Francis Bacon („Wissen ist Macht“), fast zwei Jahrhunderte später dem deutschen Naturforscher Alexander von Humboldt aufgefallen, daß die Ostküste Südamerikas und der Westrand Afrikas einander ergänzen wie zwei zusammengehörige Teile eines Puzzles. Doch erst ein Gelehrter unseres Jahrhundertes wagte es, die Übereinstimmung zu deuten.

1912 fügte Wegener in seiner Kontinentalverschiebungstheorie die Konturen nicht nur Afrikas und Südamerikas, sondern auch Australiens, Indiens und der Antarktis zu einem Riesenkontinent zusammen wie Fetzen einer zerrissenen Zeitung. Siehe da: Es paßte.

Vor 200 Millionen Jahren, so schrieb Wegener, bildeten die heutigen Erdteile einen Superkontinent. Diese gewaltige Landmasse sei dann zerborsten, und ihre Teile seien, im Laufe von Jahrmillionen, Tausende von Kilometern auseinandergedriftet.

„Warum sollen wir zögern, die alte Anschauung über Bord zu werfen“, ermunterte Wegener die Kollegen. „Ich glaube nicht, daß die alten Vorstellungen noch zehn Jahre zu leben haben.“