Bis zu vier Jahren waren die segelnden Walfänger unterwegs; und in den Tagen der Flaute erprobte sich manche grobe Seemannsfaust an Millimeterarbeiten wie dem Gravieren von Pottwalzähnen. Szenen aus dem Bordleben wurden dargestellt: Da näht der Vollmatrose mit Segelmacherhandschuh und Dreikantnadel am Klüver, einem Vorsegel; und da deutet Hein Seemann vergeblich protestierend auf seinen leeren Napf, derweil der Koch zuerst einmal das Ferkel füttert. Zwischen Schweinefraß und Seemannskost bestand offenbar ohnehin kein Unterschied.

Es war jene Zeit, da die Schiffe „hölzern“, die Matrosen aber „eisern“ waren. Solcherlei Feststellung gehört zu den Spruchweisheiten, die ergraute Kap-Hoorn-Fahrer heut’ noch über ihr Grogglas hinsagen. Einiges stimmt da zwar nicht; denn viele Segelschiffe hatten stählerne Rümpfe oder waren im Kompositbau aus Holz und Eisen hergestellt worden, und an den Seemann werden in der mittlerweile hochtechnisierten Großen Fahrt gewiß nicht geringere und oft genug auch keineswegs weniger harte Ansprüche gestellt als in Teerjacken-Jahrhunderten – aber jene Zeit der popkunst-sinnigen Seeleute, der Viele-hundert-Tage-Reisen, der bettelarmen Matrosen und schwerverdienenden Reeder, sie war doch „der Segelschiffe große Zeit“.

„Der Segelschiffe große Zeit“, so, ein bißchen von Stolz geschwellt wie die Rahsegel der Klipper in frischer Brise, lautet der Titel des einzigartigen neuen Buches, dem die Bilder und Skizzen auf dieser Zeitungsseite entnommen sind. Sie können vom Inhalt, von der Illustration und der Graphik des Werkes nur eine Ahnung vermitteln. Sechsundzwanzig aufgeklebte Farbreproduktionen, vierzig ganzseitige Darstellungen in Farbe sowie 280 Zeichnungen und Photos und dazu instruktive, nicht schwafelnde Texte lassen dieses Buch im wahrsten Sinne des Wortes zu einer „Sensation“ werden – man muß es gesehen (und gelesen) haben, wenn man zu den Ship-lovers, den Sammlern von Seemannskunst oder auch nur zu den Liebhabern besonders abenteuerlicher Kapitel der Kultur- und Technikgeschichte überhaupt zählt. Herausgeber ist Joseph Jobé. Wie manches andere großartige Buch über die Segelschiffahrt ist es zunächst in Frankreich erschienen, dort, wo man sich Sinn genug für die „romantische Seefahrt“ bewahrt hat, mag sie in der Tat auch alles andere denn romantisch gewesen sein. Zu den Autoren gehören B. W. Bathe, G. B. Rubin de Cervin, E. Taillemite und der Oldtimer unter den deutschen Segelschiffskapitänen, Helmut Grubbe. Erschienen ist das Buch (272 Seiten, 120,– Mark, in Luxuskassette 132,– Mark) im Verlag Delius und Klasing, Bielefeld und Berlin.

Die Zeit der Entdeckungen, jene Zeit, in der sich die Schiffahrt aus der Küstennähe löste, und die „Geburt der großen Flotten“ werden beschrieben und dargestellt. Ein Kapitel über die „Vasa“, das in unserer Zeit gehobene schwedische Flaggschiff, über französischen und holländischen Schiffbau im 17. Jahrhundert und über Nelsons „Victory“ folgen. Dann wird die eigentliche „goldene, große Zeit“ der Segelschiffahrt geschildert, bis die Klipper kamen, die Schnellsegler, und die „Preußen“, das Nonplus-Ultra eines Frachters unter Rahsegeln. Bau und Betrieb, Navigation und ökonomische Nutzung der Schiffe werden beschrieben und Krieg, Handel und Piraterie.

Material, und zwar das beste, aufschlußreichste, eindringlichste aus den berühmten Schiffahrtsmuseen der Welt wurde hier verarbeitet. Eine gar nicht so kurze Liste der „Übriggebliebenen aus der Seglerzeit“ zeigt, daß die Kunst, ein großes Schiff unter Segel zu führen, noch nicht völlig vergessen sein kann. Und darin liegt wahrscheinlich der eigentliche Reiz dieses Buches, das den Kenner fasziniert und den Laien staunen läßt – daß es an Hand der originalen Abbildungen das längste, größte, folgenreichste Kapitel aus der Historie kulturelltechnischer Leistungen des Menschen noch einmal lebendig werden läßt. Wenn man so will: Dieses Buch macht Männerträume noch einmal wahr. Alexander Rost