Von Karl-Heinz Wocker

London, im April

Der Leiter der britischen Delegation bei der Tagung des Südostasienpaktes, George Thomson, war darauf gefaßt gewesen, harte Worte der Verbündeten über Englands Rückzugsabsichten „östlich von Suez“ zu hören. Für den Hinweis auf Englands finanzielle Sorgen gab es unter den SEATO-Partnern zwar Verständnis. Aber ein philippinischer Minister erklärte, auch sein Land habe diesen Kummer und erfülle dennoch alle Pflichten des Bündnisses.

Von 1971 an wird England seine Garantien nicht mehr einhalten. Welche Rolle aber will die britische Regierung von da an im SEATO-Pakt spielen? Schon jetzt ist dieses Bündnis durch die „schlafende“ Mitgliedschaft Frankreichs nicht mehr viel wert. In drei Jahren könnte es beginnen, einem Londoner Klubzimmer, nachmittags um halb drei, zu gleichen, wenn ein geschickter Uhrenräuber von Sessel zu Sessel gehend reiche Beute machen kann.

Thomson hat auf der SEATO-Konferenz zwar Wirtschaftsunterstützung zugesagt; Malaysia und Singapore sollen Vorrang in Englands Entwicklungshilfe-Programm genießen. Aber zu militärischen Zusagen sind die Briten nicht mehr bereit. Nicht einmal symbolische Streitkräfte werden bleiben, auch keine „Instrukteure“. Die Überzeugung, man sei der Indonesien-Malaysia-Konfrontation noch eben glimpflich entronnen, bevor sie sich zu einem Vietnam für England auswuchs, ist so weit verbreitet, daß manche Politiker geradezu auf einen Anlaß wie die Pfundabwertung gewartet haben, um den Rückzug auch moralisch rechtfertigen zu können.

Unmittelbar nach der Veröffentlichung des SEATO-Schlußkommuniques, das Englands Rückzug aus Südostasien bedauert, war von der Gründung eines neuen Paktes die Rede. Aber es hat den Anschein, als bestehe zumindest in den beiden militärisch stärksten Staaten, Australien und Neuseeland, kein großes Interesse an einem Bund, der Verpflichtungen für die Sicherheit anderer Partner auf dem asiatischen Festland enthielte.

Malaysia und Singapore dringen darauf, daß London zumindest innerhalb der vorgesehenen Dreijahresfrist keine Truppen abzieht, sondern erst in den letzten Monaten. Das aber wird nicht geschehen. Thomson hat bestätigt, daß die Verlegung der Armee-Einheiten bereits in 18 Monaten abgeschlossen sein soll; bei Marine und Luftwaffe dauere es dagegen bis 1971. Und nur die enormen logistischen Probleme eines solchen Rückzugs könnten dieses Zeitschema noch verändern. Verteidigungsminister Healey hat jedoch offenbar diese „größte Truppenverschiebung in Friedenszeiten“ als Beispiel alter britischer Gründlichkeit in Militärsachen inszeniert. Den Asiaten bleibt also wenig Hoffnung.