Johnny redivivus? Vitalität war die Macht, mit der er, schwarzer Jazz-Musiker, vier Jahre lang, vom Leipziger Debüt 1927 an, die Opernhäuser Europas eroberte. Jetzt hockt er wieder hoch auf der Bahnhofsuhr und verkündet der Zeit fiedelnd – zuvor mit Saxophon, Banjo und Posaune – den Sieg der Neuen Welt über die Alte. In Regensburg hat sich Stadttheater-Intendant Volker von Collande der damals erregenden, vergleichlosen Popularität erinnert. Ernst Kreneks Oper „Johnny spielt auf“, einst Opernschreck eher, wurde hier seither erstmals – umgemodelte Fassungen in Posen und Florenz ungerechnet – auf die Bühne zurückgeholt. Schon meldet das Salzburger Landestheater den zweiten Versuch an. Lebt eine – die – vergessene oder doch legendäre musik-dramatische Sensation der zwanziger Jahre wieder auf?

Man hat sie seinerzeit mit grotesken, politischen Gründen aus allen Spielplänen getilgt. Angst vor rassischer Überfremdung schien ein stolzes nationalistisches Abendland in Rage zu bringen, rückte dem vermeintlichen Neger-Bariton Alfred Jerge in München gar handgreiflich uu Leibe. Ausschließlich ästhetischer Wertung ist nun erneut Gelegenheit gegeben: Sie läßt freilich künftige Repertoirechancen bezweifeln.

In erster Linie trifft die Schuld den Text, in zweiter auch die Story. Den Librettisten Krenek bat die Zeit überrundet. Ein spät-expressionistischer Höhenflug – in das spirituelle Liebes- und Kunstpathos des Komponisten Max – wird mit der vitalen Daseinsform des Negers, mit Pariser Leichtlebigkeit und der Hektik einer modernen technisierten Umwelt konfrontiert. Und Vorformein einer Musical-Spritzigkeit stehen kontra künstlerische Dekadenz und „deutsche“ Schwermut. Leider ist’s – dies wie jenes – ernst gemeint, sprachlich entsprechend gestochen, mit Symbolen überladen. Heute wirkt es oft unfreiwillig komisch, und auch mit kräftigen Strichen ist kaum etwas zu ändern, wenn anders man nicht die Konzeption im ganzen zudecken will.

Das jedoch dürfte Krenek, inzwischen achtundsechzigjährig, schwerlich erlauben. Auf Abstecher aus den USA angereist, blieb er in Regensburg fest: „Ich könnte die Grundidee der Oper nicht besser formulieren, als es damals geschah, und ich sehe auch keinen Anlaß, sie anders zu interpretieren.“ Schade; denn es ließe sich durchaus denken, die turbulenten Konflikte zwischen Eros und Geigendiebstahl mit burschikos typisierten Figuren (Sängerin, Violin-Virtuose, Manager, Polizeibeamte, Hotelangestellte) spaßig zu kolportieren.

Und musikalisch genüßlich wie explosiv faszinierend. Denn die Tonsprache Kreneks, der mit diesem einen Werk von seinem kompositorischen Weg von intuitiv ungebundener Atonalität zur streng seriellen Methode – etwa seiner folgenden Oper „Karl V.“ – ins farbige Terrain extremer Harmonien und tänzerischer Rhythmen abgeschwungen war, zündet noch immer. Exaltierte Akustik – damals auf der Musikbühne ein Novum –, sie klingt heutigen Ohren, die längst gewöhnt sind an die ungewöhnlichsten Tonmittel, wenn auch nicht mehr enervierend, so doch mitreißend schwungvoll: Man müßte ihr eben auch die gemäße Handlungsrasanz anverwandeln, Leeres kaschieren mit entfesseltem Theater.

Originell geblieben nämlich ist das Verfahren der Partitur trotz Gershwin und Weill und rhythmischer Figuren, die manchmal die heutige Avantgarde vorahnen lassen. Nicht leitmotivisch verteilt, sondern den verschiedensten Personen und Situationen, jeweils überraschend abgewandelt, unterschoben sind die fixen musikalischen Ideen. Sie ergeben zusammen nicht – wie die Musikgeschichte verzeichnet – eine erste Jazz-Oper, sondern bieten in kleinen, wie Zitate wirkenden Phrasen ein dynamisch verarbeitetes Gemisch heterogener Elemente. Jazz-Klänge, verfremdete Salon-Musik, Wiener Melos, Kantilenenpartikel Puccinis, Folklore, Marsch, Shimmy, Tango, Charleston und Blues sind da gleichermaßen versammelt wie akustische Metaphern dieser Zivilisation, Zug-, Sirenengeräusche, Telephongeklingel. Exzellent ist immer wieder der Bogen gespannt zwischen laut-malender, rezitativischer Begleitung, polyphonen Partien und melodiösem wie rhythmisch pointiertem Gleichklang.

Dietmar N. Schmidt