Von Colin Legum

Wie berechtigt ist das optimistische Vertrauen der Liberalen in die These, man könne die Rassenprobleme – das Resultat von jahrhundertelanger Herrschaft der Weißen über die „minderwertigen Rassen“ – friedlich lösen: durch Assimilation und Integration?

Dieser Optimismus beruht auf einigen einfachen Annahmen: Großbritannien sei in der Lage, eine rassisch gemischte Bevölkerung erfolgreich zu einer funktionierenden Gesellschaft zu verschmelzen, gleichgültig, wie stark die Einwanderung ist und wie sie sich zusammensetzt; Amerikas politisches System werde mit Sicherheit zu einer erfolgreichen Assimilierung seiner zwanzig Millionen schwarzen Bürger führen; Südafrikas drei Millionen Weiße würden gezwungen sein, sich mehr oder weniger friedlich der Realität seiner pluralistischen Gesellschaft anzupassen, das heißt: sich in die Rolle ihrer Minorität fügen.

Doch selbst diejenigen, die sich dieser Doktrin radikal verschrieben haben, sollten einsehen, daß nichts von dem eintreten muß, jedenfalls nicht als natürliche Folge einer politischen Evolution. Nach einigen Monaten Amerika-Aufenthalt neige ich jetzt der Meinung derjenigen US-Bürger zu, die glauben, daß die Vereinigten Staaten an der Schwelle einer Periode stehen, in der die Schwarzen von den Weißen hart unterdrückt werden – ein Zustand, der das politische System in seinen Grundfesten erschüttern könnte. Nur zwei Wunder könnten das verhindern: ein baldiges Ende des Vietnam-Krieges und der Aufbau einer Heimatfront von Vietnam-Ausmaßen.

Das würde die Rassenkrise anheizen und dramatisieren wie nichts zuvor und die Loyalität der westlichen Verbündeten Amerikas noch viel mehr belasten als der Vietnam-Krieg. Afrika würde zutiefst verletzt sein und den Ablauf der Ereignisse in Südafrika direkt zu beeinflussen versuchen. Und die anti-westliche Welt könnte in einem unvergleichlich viel größeren Maße Sympathien in der farbigen Welt gewinnen, als es ihnen trotz aller Bemühungen bisher gelungen ist. Unversehens könnten Rassenunruhen in einem Ausmaß entfesselt werden, welche die Befürchtungen der drei britischen Premierminister Macmillian, Sir Alex Douglas-Home und Wilson wegen eines Rassenkrieges gerechtfertigt erscheinen ließe.

Sollten sich diese deprimierenden Aussichten als übertrieben erweisen, dann nur, weil der Westen die Gefahr rechtzeitig erkennt und eine entsprechende Innen- und Außenpolitik treibt. Sie dürfte nicht auf der angeblich liberalen und toleranten westlichen Einstellung basieren. Sie müßte vielmehr ausgehen von einer realistischen Einschätzung der Wurzeln rassischer Vorurteile, die das Verhältnis der Menschen verschiedener Hautfarbe zueinander total vergiftet haben.

Die Versuchung ist groß, die apokalyptische Vision des unmittelbar bevorstehenden Rassenkrieges zurückzuweisen, doch fällt dies schwerer, wenn man sich die Massen Vernichtungsaktionen aus nicht allzu ferner Vergangenheit ins Gedächtnis zurückruft, die in allen Gesellschaften – auch in unserer – stattgefunden haben: die Massenvernichtung der Indianer, die Jagd auf die Ureinwohner Tasmaniens, die Grausamkeiten, die an Iren verübt wurden, die Abschlachtung der Juden; und auf der anderen Seite der Rassenbarriere: die Vernichtung von Chinesen durch Indonesier, das gegenseitige Abschlachten von Moslims durch Hindus und Hindus durch Moslims, von Batutsi durch Bahutu in Rwanda und von Ibos durch andere nigerianische Stämme. Man braucht sich nur zu vergegenwärtigen, was jetzt auf beiden Seiten in Vietnam geschieht.