Von Heinz Josef Herbort

Er habe hier die besten Solisten, das beste Orchester, das beste Theater, die besten Bühnentechniker, sagt Herbert von Karajan und meint mit „hier“ Salzburg und die Oster-Festspiele, „seine“ Festspiele. „Kann man sich zum Geburtstag Schöneres wünschen?“ Nun, immerhin wurde er letzte Woche zum Sechzigsten noch Ehrenbürger der Stadt, erhielt Orden und Ehrenzeichen und dazu die im vergangenen Jahr vielleicht noch fehlende Gewißheit, daß seine Festspiele als Institution etabliert und gesichert sind. Man ist zu Ostern in Salzburg, sagt Herbert von Karajan, „inzwischen eine Familie“. Die Familie trifft sich heuer in zwei Konzerten, in der wiederaufgenommenen „Walküre“ und in einem neuen „Rheingold“.

Zwei Stunden und zwanzig Minuten braucht Karajan für diesen „Vorabend“ zur „Ring“-Trilogie und ist damit nicht sonderlich schnell: Karajans „Rheingold“ ist keine hochdramatische Schilderung von Raumbetrug und Bauskandal, sondern eher ein lyrisches Märchen, die verhaltene Überleitung von vorzeitlicher Harmonie zur kommenden Weltkatastrophe. Womit Karl Böhm 1965 in Bayreuth bei verdecktem Orchestergraben überraschte, damit brilliert Karajan in Salzburg bei offenem Graben: Man spielt Wagner im Stil von Kammermusik.

Seit dem Vorjahr ist es bekannt, doch kommt es wieder wie neu vor: Die Berliner Philharmoniker bieten unter Karajan riesig besetztes wagnerisches Musikdrama wie eine Symphonie in kleinem Ensemble, mit außerordentlicher Delikatesse, mit zauberhaften Nuancen und nahtlos gleitenden Übergängen, mit zartesten Holzbläser-Kantilenen und ganz weichen, sanften Blechbläser-Akkorden, das alles so mühelos präzise und doch gänzlich unroutiniert, so sicher und so aufregend einfach.

Die besten unter Karajans besten Solisten vertreten nicht die Götterwelt, sondern deren Gegenspieler. Göttervater Wotan wird mühelos von Alberich und Mime, vor allem aber auch von dem Halbgott Loge ausgestochen. Will Karajan Walhall desavouieren?

Seit Wieland Wagner die Rolle mit ihm studierte, ist Erwin Wohlfahrt als Mime unübertroffen, mehr als nur eine gequälte Kreatur; das ganze Elend einer zu spät gekommenen Intelligenz packt Wohlfahrt in diese Figur. Zoltan Kelemen als Alberich: ein dämonisch infamer Diktator, ein satanischer Lüstling und Triebverbrecher, ein geifernder Unterlegener, unheimlich in seinen dramatischen Ausbrüchen, etwa beim Fluch auf den Ring. Ein intellektueller Drahtzieher dann, ein kühl kalkulierender Manager, ein sarkastischer Spötter, ein Agnostiker, der seine Haut früh genug rettet: Gerhard Stolze als Loge mit sehr oft eher lyrischem als dramatischem Tenor, äußerst klar im Ton, sehr präzise in der Artikulation, raffiniert im Timbre-Wechsel. Fast schon im Gegensatz zu ihrem markantschwerfälligen Leitmotiv: die Riesen Fasolt (Martti Talvela) und Fafner (Karl Ridderbusch) dürfen gelegentlich flüstern, und selbst die kleinste Bemerkung im Pianissimö kommt verständlich ins Publikum.

Dietrich Fischer-Dieskaus Wotan ist ein Gentleman, ein Herr aus besten Kreisen, dem da nun einmal diese dumme Sache mit seinem Neubau passiert ist, das biegen wir schon wieder hin, und der im übrigen Schubert singt, mit sehr viel Geschmack, mit Intelligenz, mit sehr schöner Stimme. Seine Frau Fricka (Josephine Vessey) darf mit einem solchen Schöngeist auch nur, leider, mit zwar sehr schöner, aber doch allzu verhaltener Stimme und in vornehmer Zurückhaltung verkehren, nur nicht zu nahe herangehen, auch nicht wenn man den Gemahl bezirzen will.