Mit einer Sicherheit, wie sie sonst im Bereich der Theologie selten erreicht wird, kommt von Zeit zu Zeit – eine Art katholischen Ungeheuers von Loch Ness – eines der berühmtberüchtigten Andachtsstücke wieder ins Gespräch, sei es das Turiner Leichentuch oder die Haarlocke des heiligen Aloysius oder ein Partikel vom Heiligen Kreuz.

Dann falten die Neopietisten wieder entrückt die Hände, man glaubt, Weihrauch zu riechen und Litaneiengemurmel zu hören, während die Agnostiker mild lächeln über so viel konfusen Fetischismus in einem so aufgeklärten Zeitalter; und die Experten beider Seiten bemühen sich um Echtheits- oder Fälschungsnachweise.

Zu Ostern haben sie Hochkonjunktur, denn mit dem Leichentuch und dem Schweißtuch der Veronika ließe sich so leicht das ganze Glaubensgebäude aus den Angeln heben oder doch zumindest daran rütteln: Ist er nun tot gewesen und auferstanden oder nicht?

So zählebig die Ungeheuer auch sein mögen: Es geht nicht um Tuch und Partikeln, nicht um Gebeine oder Windeln. Daran ändert auch der Hinweis darauf nichts, daß der Papst mit dem Besuch der Grabeskirche und seiner Pilgerfahrt nach Fatima sozusagen diesem totgeglaubten Fetischismus den neubelebenden Stempel höchstkirchlicher Autorität aufgedrückt habe.

Mag es früher anders gewesen sein: Zweieinhalb Jahre nach dem Konzil geht es – das sollten aufmerksame Beobachter des Katholizismus merken – nicht mehr um Tuch oder Splitter, denn es geht nicht mehr um Devotionalien.

Es dreht sich darum, „glauben zu wollen“, daß ein – wie immer beschaffener – Gott einen – wie immer beschaffenen – Sohn, der tot war, auf eine niemals erklärbare Weise zu einem neuen Leben erweckt hat. Es dreht sich darum, diesen Satz nicht einzusehen, wie man einsieht, daß zwei und drei fünf ist, wenn man hinreichend geklärt hat, was unter „zwei“, „drei“, „fünf“ und „und“ zu verstehen ist. Es dreht sich darum, diesen Satz als „wahr“ akzeptieren zu wollen, auch auf die Gefahr hin, daß man sich entsetzlich geirrt hat. Denn: wäre der Satz einzusehen wie sein mathematisches Pendant, wäre nicht mehr von „Glauben“ die Rede ‚sondern von „Wissen“.

Es könnte sich weiter darum drehen, aus diesem Glaubenssatz vielleicht sogar für sich die kühne Folgerung abzuleiten, daß alles das unsertwegen passiert sei, daß wir auf ebenso unerklärbare Weise einmal zu einer – wie immer beschaffenen – Ewigkeit gerufen werden.