Die Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien haben einen neuen Tiefpunkt erreicht. Nach dem Abbruch der langwöchigen Handelsgespräche führt die algerische Presse eine scharfe Sprache und fordert eine Umschaltung des algerischen Handels, der nach wie vor zu zwei Dritteln nach Frankreich gerichtet ist.

Die Regierung Boumedienne hat bereits Repressalien gegen den französischen Handel beschlossen und die Präferenzzölle für französische Waren aufgehoben; algerische Staatsunternehmen wollen nicht mehr in Frankreich kaufen.

Beide Länder befinden sich in der kritischen Weinfrage, die zum Scheitern der Verhandlungen führte, in einer Zwangslage. Frankreichs Winzer revoltieren gegen die Konkurrenz der algerischen Weine, die zum Verschnitt alkoholarmer französischer Weine verwendet werden. Die französische Regierung hat daher die algerischen Weinkontingente von über 7 Millionen auf 3 Millionen Hektoliter jährlich herabgesetzt. Die Weinausfuhr ist aber für Algerien eine Lebensfrage, denn nach Öl ist Wein der wichtigste Ausfuhrartikel.

Durch eine Anzahl von Überschußernten sind die algerischen Weinbestände auf 15 Millionen Hektoliter gestiegen, die nach Sperrung des französischen Marktes unverkäuflich sind. Der Weinkrieg kann daher zu einer tiefgehenden Erschütterung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien führen.

Die Erfahrung zeigt aber, daß Algerien enger an Frankreich gebunden ist, als seinen Machthabern lieb ist. Alle Versuche, die französische Hilfe durch die anderer Länder, besonders der Ostblocknationen, zu ersetzen, sind fehlgeschlagen. Frankreich kauft nach wie vor zwei Drittel des Sahara-Öls und eine große Menge Erdgas, das sonst auf dem übersättigten Weltmarkt kaum Abnehmer finden würde.

Außerdem steuern die Franzosen jährlich rund 200 Millionen Francs zur wirtschaftlichen Entwicklung ihres früheren Territoriums bei. Schließlich sind die auf 350 Millionen Francs geschätzten Überweisungen der algerischen Arbeiter in Frankreich eine für dieses unterentwickelte Land unentbehrliche Finanzhilfe.

Angesichts der neuen Spannung sind alle Gerüchte von einem kommenden Pariser Besuch des algerischen Staatschefs Oberst Boumedienne hinfällig geworden. Die französisch-algerischen Beziehungen sind heute auf das gemeinsame Interesse an der Ausbeute der Sahara-Ölquellen aufgebaut. Aber aus dieser Vernunftsehe ist noch keine Liebesgemeinschaft geworden. E. K.