Von Heinz Michaels

Sein Wunsch nach einem Überschallflugzeug scheint verständlich: Innerhalb von fünf Tagen mußte Sir Denning Paerson dreimal nach Amerika fliegen, in London an einer Aufsichtsratssitzung seines Unternehmens teilnehmen und zudem noch einer Dinnereinladung Premierminister Wilsons Folge leisten.

Der vielbeschäftigte Manager ist Generaldirektor von „Rolls-Royce Ltm“. Sein strapaziöser Einsatz hat sich gelohnt: Das Unternehmen gewann den größten Exportauftrag der britischen Geschichte. Es soll die Triebwerke für 168 Flugzeuge des Typs Lockheed 1011 liefern, einer amerikanischen Airbus-Version. Mit Ersatztriebwerken ist das ein Auftrag über fast 700 Motoren. Wert 175 Millionen Pfund.

Sir Dennings Streben nach einem Überschallflugzeug hat allerdings einen tieferen Grund als die augenblickliche Reisetätigkeit. Bei der Rolls-Royce-Tochterfirma „Bristol Siddeley“ werden die gewaltigen Düsentriebwerke für die Concorde gebaut, das britisch-französische Überschallflugzeug, das Anfang der siebziger Jahre in drei Stunden über den Nordatlantik fliegen soll.

Doch über die Concorde hat sich ein tiefes Schweigen gelegt. Am 28. Februar dieses Jahres sollte der Erstflug sein; er wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Und es steht zu befürchten, daß die britische Luftfahrtindustrie mit der Concorde ebensowenig Glück haben wird, wie vorher mit anderen Verkehrsflugzeugen. Weder das Mittelstreckenflugzeug „Trident“ noch das Langstreckenflugzeug „VC 10“ konnte sich auf dem Markt so durchsetzen, wie es die Briten erhofft hatten.

Zwar haben die Briten vor zwölf Jahren mit der Comet das erste Düsenverkehrsflugzeug auf den Markt gebracht, doch das Rennen machten die Amerikaner. Genauer gesagt: Das Rennen machte die Boeing Company, die in den letzten zehn Jahren der Welt größter Lieferant von Verkehrsflugzeugen wurde. Vom Kurzstreckenjet 737 bis zum Langstreckenflugzeug 707 liefert Boeing für jeden Kunden ein passendes, Flugzeug.

Die Luftfahrtindustrie, so schien es bis zum Freitag vorletzter Woche, drohte unausweichlich eine rein amerikanische Angelegenheit zu werden. Doch an diesem Freitag, dem 29. März, ereignete sich eine Art Marne-Wunder für die europäische Luftfahrtindustrie.