FÜR Reisende, Studienräte, Literaten, Italienurlauber, Träumer, Touristen –

„Die großen Alpenpässe“ – Reisebericht aus neun Jahrhunderten, herausgegeben von Georg Hanke; Süddeutscher Verlag, München; 273 S., 18 Karten und 30 Abb., 28,– DM.

ES ENTHÄLT Berichte von Alpenüberquerungen in der Schweiz, in Österreich, Italien und Frankreich, aufgezeichnet von etwa hundert reiselustigen Diplomaten, Gelehrten, Dichtern, Malern, Schöngeistern, auf dem beschwerlichen Weg über diese „erschröcklichen Hindernisse zum Paradies Italien“.

ES GEFÄLLT. Die Sammlung mit dem Namen der Pässe als Kapitelüberschriften ist trotz einleitender Streckenbeschreibungen und nützlicher Winke („Die Brennerstraße ist ganzjährig befahrbar und auf der Nordrampe gut...“) kein Reisehandbuch. Die Notizen, Tagebuchaufzeichnungen und Briefe, fast eine kleine Kulturgeschichte der ewigen Unrast, reflektieren den Wandel in der Beurteilung des Reisens: früher eine notwendige Last, dann ein empfindsames Vergnügen. Schon klingt es wie eine Legende, daß Reisen einmal ein Wagnis war („Überall wurde erzählt, daß man die Preßburger Post angefallen, ausgeplündert und den Postillon und den Schaffner erschlagen habe“), eine Plackerei („Die Marter der ersten, ohne Ausruhen und Schlaf durchreisten Nacht bedeckte alles übrige“), auch Erschütterung („Und diese Natur, in günstiger Stunde von der Seele erkannt, gehört doch eben zum Größten, was der Mensch erfahren kann“) und Selbsterkenntnis („Auf Beschreibung dieses großen Stücks Natur laß ich mich nicht ein“). Und ist doch so lange noch gar nicht her: Solche urtümliche Würze des Reisens kosteten zwischen 1802 und 1903 die Alpenüberquerer Johann Gottfried Seume, Franz Grillparzer, Jakob Wassermann und Theodor Fontane.

Wolfgang Boller