Von Karl-Heinz Wocker

London, im April

Eigentlich stand am ersten nachösterlichen Arbeitstag des Britischen Unterhauses eine Abstimmung über das neue Gesetz gegen Rassendiskriminierung auf dem Programm. In Wirklichkeit wurde über die Einheit der konservativen Partei abgestimmt. Nach jahrelangem verhaltenem Grollen ist das von den Tories errichtete künstliche Gebäude einer einheitlichen Einwanderungspolitik zusammengebrochen. Aus den Trümmern ist ein neuer Führer der britischen Rechten (vielleicht auch mehr) hervorgegangen: der 55jährige Professor der Altertumskunde, Enoch Powell, Abgeordneter des Wahlkreises Wolverhampton-Südwest, eines Ballungszentrums der farbigen Einwanderung. (Es gibt dort in einigen Schulen mehr schwarze als weiße Kinder, und ein Arbeiterklub hat dort soeben seinen zehn Jahre alten Beschluß erneuert, keine farbigen Mitglieder aufzunehmen.)

Eine einzige Rede des glänzend geschulten Rhetorikers hat bestätigt, daß der Unterschied zwischen Weiß und Schwarz derzeit für die Tory-Opposition die gleiche Bedeutung hat, wie bei Labour in den fünfziger Jahren der Unterschied zwischen der Artillerie und den Atomkanonen. Die Rhodesien-Debatten auf früheren konservativen Parteitagen waren gleichsam nur der rückwärts gewandte Aspekt; dabei stellte meist ein Veteran aus den Empiretagen, der 74jährige Marquis von Salisbury, den Bannerträger der Reaktion. Die jetzigen Diskussionen in der Tory-Fraktion dagegen setzen ein Drama fort, das nicht in Übersee, sondern vor der eigenen Tür spielt. Es geht nicht um den Herrschaftsanspruch ferner Herrenrassen, sondern um den Lebensstandard der eigenen unteren Mittelklasse, die Arbeiterschaft zum Teil eingerechnet.

Enoch Powell hat nämlich nicht, wie sein entsetzter Parteichef Heath ihm tags darauf vorwarf, eine „rassistische“ Rede gehalten, sondern er hat, nur schwach verhüllt, zum Klassenkampf aufgerufen. Die 3,5 Millionen Farbige, die er für 1985 in England voraussagt, nehmen Arbeitsplätze, Wohnungen und Schulbänke weg. Das hat Powell zwar nicht gesagt, aber seine Zuhörer haben es so verstanden. Die mehreren hundert Dockarbeiter, die am Dienstag empört zum Unterhaus marschierten, um bei bei ihrem (Labour-)Abgeordneten gegen die Entlassung des (konservativen) Verteidigungsexperten Enoch Powell aus dem Schattenkabinett zu protestieren – eine groteske Verquickung aller Kompetenzen – hielten ihre „Rettet unsern Enoch!“-Plakate mit der Miene von Leuten hoch, die genau wußten, was sie in Wahrheit meinten, nämlich „Rettet unsere Lohntüte!“. In einer Petition hieß es denn auch unverblümt, die Regierung solle „die ständige Bedrohung unseres Lebensstandards“ durch die Einwanderung einmal ernstlich bedenken. Nicht die Hautfarbe, eher schon das Farbfernsehgerät ist die Ursache der Besorgnis.

Bei mehr als einer halben Million Arbeitslosen, einen weiteren harten Winter nach freudlosem Sommer vor sich, von Lohnrestriktionen hörend und die Gewerkschaften an der Seite der Regierung vermutend, sind die weißen Arbeiter in den Ballungszentren der Einwanderung unruhig geworden. Die Situation erinnert an das Jahr 1958, als junge Weiße im Londoner Stadtteil Notting Hill aus Existenzangst gegen die Schwarzen tätlich wurden.

Den Verantwortlichen in den Parteien ist klar, daß Reden im Stil des Birminghamer Ausbruchs von Enoch Powell die Glut nur schüren. Nach wochenlanger Auseinandersetzung über die Zweckmäßigkeit des neuen Gesetzes gegen Rassendiskriminierung verlief daher die zweite Lesung im Unterhaus gemäßigt, auf beiden Seiten. Innenminister Callaghan vermied es, den Tories die Rede Powells vorzuhalten. Dafür hörte Powell das Nötige aus dem Mund seines Fraktionskollegen Quintin Hogg. Dieser mindestens ebenso unberechenbare Mann, ein wütender Fechter gegen Wilsons Partei (was ihn nicht abhält, als Anwalt den Premier in Beleidigungsprozessen zu verteidigen), erklärte mit einer Ernsthaftigkeit, die man seinen Fernseh-Clowniaden nie zutrauen würde, wenn Powell nicht als Schattenminister hätte gehen müssen, dann wäre er gegangen.