Nationales Trauerspiel

Am Sonnabend, dem 11. Mai 1968, wird mit dem Namen Konrad Adenauers Schindluder getrieben. Die „Deutschland-Stiftung e. V.“, wieselig betrieben von dem Rechts-Exzentriker Kurt Ziesel, will zum zweitenmal Preise vergeben an drei Männer, die sich – so das Motiv – um die konservative Ordnung in diesem Lande verdient gemacht haben: an den ehemaligen Bischof Wilhelm Stählin, an den Schriftsteller Frank Thiess und an den Vertriebenen-Autor Emil Franzel.

Jeder mag würdigen, wen er will. Aber Politiker, die hierzulande Staatsämter innehaben, sollten Personen genau ansehen, die sie durch huldigenden Zuspruch rühmen. Die Preisverleihung findet im Münchner Nationaltheater statt, und als Festredner sind angekündigt der bayerische Ministerpräsident Goppel und Bundesfinanzminister Strauß.

Anzeige

Sollten sie ihre Reden tatsächlich halten, so darf man voraussetzen, daß sie Kenntnis haben von den Thiess-Beiträgen in der „Deutschen National-Zeitung“ und von seiner Lobpreisung des Hitler-Apologeten und Geschichtsklitterers Hoggan, daß sie ferner Kenntnis haben von jener Auslassung Franzels im Regensburger „Tages-Anzeiger“, in der – im Hinblick auf die Kritiker Axel Springers – ein unmißverständliches Rezept ausgestellt wurde: „Man kann Ungeziefer eben nur mit den geeigneten mechanischen und chemischen Mitteln vertilgen, nicht mit gutem Zureden.“

Sagen wir es unumwunden: Die Teilnahme am Trauerspiel im Nationaltheater zu München, bei dem solcher Ungeist der Nation dekoriert wird, läßt sich nicht rechtfertigen mit dem Gebot von Höflichkeit oder Verpflichtung. Diese Teilnahme ist Bekenntnis. H. G.

 
Service