... in Frankfurt

In der Auseinandersetzung der erschrockenen Gemüter mit zeitgenössischen Theaterbestrebungen spielt Andersens Märchen von des „Kaisers neuen Kleidern“ eine traurige Heldenrolle. Es ist Schild und Speerspitze; man kann sich damit Verwirrendes bequem vom Leibe halten. Und so rief auch ein Unmutiger, nachdem er sich in der Frankfurter Uraufführung von Peter HandkesKaspar“ eine gute Weile gegen das Stück gesträubt hatte: „Des Kaisers neue Kleider!“ Damit war für ihn der Fall ähnlich ausgestanden wie für die Leute, die nach zehn Minuten unlustig hinaus ins Freie drängten. Sprache, so hatte Handke doziert, das sei das, mit dem man es sich kommod, gemütlich, heimelig in der Welt machen könne. Und gerade das schien viele zu inkommodieren.

Was macht ein Stück, das doch auch von der Gemütlichkeit handelt, für manche so ungemütlich? Warum fühlte sich ein guter Teil des Publikums von Handke düpiert, beschimpft, obwohl er doch diesmal keineswegs eine „Publikumsbeschimpfung“ veranstaltete? Daß man das Stück als des Kaspars neue Kleider abwehrte, kann nicht daran liegen, daß Handke etwa vorgehabt hätte, seine Zuschauer dadaistisch oder absurd zu düpieren, das Theater also als Keule zu gebrauchen, um die Leute vor den Kopf zu stoßen. Das Kaspar-Stück hat insofern etwas mit Andersens nacktem Märchenkaiser zu tun, als Handke seinem Kaspar Hauser tatsächlich alle wohlige Bühnenkleidung verwehrt, ihn skelettiert und reduziert: „Das Stück Kaspar zeigt nicht, wie es wirklich ist oder wirklich war mit Kaspar Hauser. Es zeigt, was möglich ist mit jemandem.“

So barsch also wird der Erwartungsmechanismus abgespeist, der sich von einem Stück über den wundersam-unheimlichen Findling kolportiertes Gruseln verspricht. Der Reiz, der von der Figur des Findlings ausgeht, wird ja aus zweierlei Quellen gespeist. Einmal ist es das „Anastasia“-Los, das Kaspar umraunt: den ausgesetzten Hochwohlgeborenen. Dieses blaublütige Rätsel hat Handke überhaupt nicht interessiert. Es kommt in seinem Stück nicht vor. Das zweite, gruseligere Kaspar-Motiv ist das des asozialen Wilden mitten in unserer Gesellschaft: Kaspar, der als Mensch ohne Mitmenschen aufwuchs, sprachlos, unzivilisiert, ungebändigt. Dieser Zug an Kaspar Hauser ist auch Handkes Thema. Aber so wie Handke in seinem „Hausierer“ scheinbar das Schema des Kriminalromans aufgriff, scheinbar dem amerikanischen Kriminalschriftsteller Chandler nachschrieb, um in Wahrheit das Kriminalistische bis auf den puren Gestus auszuhöhlen, so wird auch Kaspar Hauser von aller Bühnenrealistik entblößt. Aus Kaspar Hauser wird „der“ Kaspar. Und der überlieferte Hauser-Satz „A söchener Reiter möcht i wärn wie mei Voter aner gween is“, heißt bei Handke, spröde auf das Formale reduziert: „Ich möcht einmal ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist.“

Dieser Satz ist die erste Geduldprobe, vor die das Stück den Zuschauer stellt. Und wäre dies hier ein Sportbericht, es ließe sich der Rekord vermelden, daß Handke mit dem Satz die wohl bisher häufigste Wiederholung ein und desselben auf der Bühne gewagt hat.

Handke haßt Illusionen. Also stehen auf der Bühne ein paar Möbelstücke herum, denen man anmerken soll, daß sie von Bühnenarbeitern so hingestellt wurden. In dieser Theaterwelt soll es sich Kaspar einrichten. Da er nur über einen Satz verfügt, versucht er es allein mit diesem. Der Satz, der an den Nerven aller herumzerrt, enthält für Kaspar noch die gesamte Welt. Er paßt immer.

Das Stück ist ein Sprachspiel und eine Clownspantomime. Ähnlich wie Becketts Gestalten im „Spiel“ und in den „Spielen ohne Worte“ von einer Theaterinstanz zum Agieren und zum Reden gebracht werden, wird auch Kaspar vom Theater „abgerichtet“. Die Anklänge an Beckett sind dann besonders deutlich, wenn Kaspar, dem schon beigebracht wurde, daß sich mit der Sprache vor allem „Ordnung“ schaffen ließe, zu aufbauenden Sätzen, die ihm zugerufen werden, sich die Jacke ordentlich zuknöpft oder, von einem Suchscheinwerfer angeleitet, sein Mobiliar zu der üblichen Wohnlichkeit ordnet. Diesen beckettschen Theaterzeigefinger des herrisch anweisenden Bühnenlichts allerdings konnte man in Frankfurt nur erahnen, wenn man den Text kannte.