Ein Wiedersehen mit Wolfgang Koeppen

Zuletzt hätte ich ihn in Köln gesehen; beim Fernsehen. Es war eine jener qualvollen Kulturoperationen, die man auf deutsch ampexen nennt. Sie kennen das? Für die Betroffenen, die „geampext“ werden, ist das kein, Spaß. Man ist über allerlei Kabel und Drahtwerk ins Studio gestolpert, das eigentlich wie ein wohlausgestatteter Pferdestall aussieht. Man sitzt auf einer leeren, kalkweißen Bühne, etwas verloren, etwas verängstigt und schon leicht vergrämt. Man sitzt um diesen wohlfeilen Nierentisch zum wohlfeilen Kulturgespräch. Stellwände, Kameras, Scheinwerfer, fröhliche Jugend um einen Man wird dauernd belehrt, beraten und befummelt, von Künstlern. Man hat schon seine Schminke auf und ist frisch frisiert. Kulturjünglinge ziehen einem Kreidestriche um die Füße: bitte, das Bein nur bis hierher bewegen, nicht weiter. Nach einer Stunde wird es plötzlich ganz still im großen Pferdestall, die Scheinwerfer werden noch heller, noch gleißender – dritter Verhörgrad, wie beim Staatssicherheitsdienst. Über Lautsprecher kommt die letzte Anweisung für uns: „Also fertig jetzt, auf Rotlicht achten, bitte auf Handzeichen: 28 Minuten Gespräch, aber nicht länger. Bei 25 geben wir das erste Stoppzeichen. Und vergessen Sie nicht: ganz natürlich, ganz locker sein! Abfahren!“

Also seitdem, damals in Köln, als wir geampext wurden, hatte ich ihn nicht wiedergesehen. Es war mir klar, als ich jetzt nach München kam, daß ich Außerordentliches aufbieten müßte, um ihn aus seiner Verborgenheit herauszulocken. Außerordentliches? Austern zum Beispiel, fiel mir ein; mit Austern würde es vielleicht gelingen. Natürlich nicht Austern allgemein, sondern diese besondere, delikate Art, die nur der Patron Preisenberger vom Restaurant „La Bonne Auberge“ am Oskar-von-Miller-Ring zubereitet.

Ich saß also mit Wolfgang Koeppen in München beim Austernessen, und es war, wie es immer mit Koeppen war. Ich würde sagen: nett. Köstliche Küche ist etwas zu Heiliges, als daß man sie durch Geschwätz verderben dürfte. Dafür habe ich einen beschränkten Sinn. Also lächeln, freundlich nicken, schweigen, schlürfen, nachreichen. Noch etwas Zitrone, ist Ihnen der Wein nicht zu kühl? frage ich. Erinnerungen an Köln: Ja, es war furchtbar, entsetzlich. Er werde jedesmal ganz krank, wenn er sich im Fernsehen sehe.

Später, als die Austern abgetragen sind, nachdenkliche Auskünfte über die Wohnungslage. Wohnungen sind für Schriftsteller wirklich Lebensfragen. Sie sind die Präliminarien des Schreibens. Koeppen berichtet leise, stockend, lächelnd, vergangene und gegenwärtige Wohnungssorgen zusammenfassend. Damals die Fatalität mit den Kindern auf der Straße, die direkt vor seinem Arbeitszimmer sich zu fröhlichem Spiel einfanden, daran erinnere ich mich. Auch an den Ärger mit dem Hauswirt, an den plötzlichen Auszug. Bei der neuen Wohnung gebe es neue Vorzüge und Nachteile zu bedenken. Die Isar zum Beispiel, die rausche doch lauter, als man gedacht habe.

Koeppen erörterte auch die Konstellation der Himmelskörper. Er, Frühaufsteher, liebe den Sonnenaufgang, aber sein Zimmer habe nur Westfenster. Jeden Abend müsse er hier den Sonnenuntergang ertragen. Ob er wohl wieder umziehen werde, frage ich, und denke: gleich wird die Geschichte mit dem Auto kommen. Der alte DKW – das war auch so ein beliebtes Gesprächsthema zwischen uns: prekär, fatal und etwas komisch. Es half über viele Pausen, lächelnd.

Also ich wußte: Er ist noch immer der Alte; der große Verberger, der Weglächler, der Schweiger, der spärliche Anekdotenerzähler, der alte Chinese, der sich sehr artig und höflich verweigert. Riten des Draußenbleibens, das kannte ich. Was ging hinter der Stirn vor? Ich dachte: Eigentlich sieht er noch blühend aus. Seit zehn Jahren hat er sich nicht mehr verändert. Er wird nicht mehr älter. Er ist jetzt zweiundsechzig, aber er könnte sich gut als jünger ausgeben – wie Frau Lübke. Sein Gesicht ist noch immer faltenlos, leicht gerötet, blonder Typ; man könnte in ihm einen versonnenen Botanikprofessor oder auch einen etwas einzelgängerischen Cellisten im Städtischen Symphonieorchester vermuten. Warum sehen außerordentliche Menschen heute immer so durchschnittlich aus? Und warum wird aus all diesen Bohemejünglingen und dem Künstlergekrause Schwabings zuletzt doch nur der Allianz-Vertreter, oder, wenn es hoch kommt, ein Lektor bei Droemer?