Die Geschichte der Geschichte

Von Karl-Heinz Janßen

Mit breitem Lächeln stellte sich Marschall Schukow der Weltpresse. Es war Anfang Juni 1945 in einer Villa am Wannsee. Der Sieger von Berlin schilderte die Einzelheiten der Schlacht um die Reichshauptstadt. Dann kam die unvermeidliche Frage: „Und was ist mit Hitler passiert?“

Plötzlich wurde der Marschall, der eben noch behaglich und breit dahergeplaudert hatte, in seinen Formulierungen sehr vorsichtig; Andrej Wyschinskij, der gefürchtete ehemalige Hauptankläger in den Moskauer Schauprozessen, saß neben ihm. „Das ist eine sehr mysteriöse Angelegenheit“, hub Schukow an. „Wenige Tage vordem Fall Berlins hat er Eva Braun geheiratet. Wir wissen das aus dem Tagebuch eines seiner Mitarbeiter (gemeint war Martin Bormann). Aber wir haben keinen Leichnam gefunden, der als Hitler identifiziert werden konnte. Er mag im letzten Augenblick noch mit einem Flugzeug entkommen sein.“

Einen Monat später – am 17. Juli, dem ersten Tag der Potsdamer Konferenz – hatte Präsident Truman in Babelsberg seinen Alliierten Josef Stalin zu Gast. Zur Überraschung der Amerikaner erklärte Stalin beim Lunch, Hitler sei noch am Leben und habe sich möglicherweise nach Spanien oder Argentinien abgesetzt. Im November erzählte Stalin seinen Gästen Harry Hopkins und Averell Harriman in Moskau, der deutsche Diktator sei wahrscheinlich in einem der neuen Unterseeboote nach Japan geflüchtet.

Schukow und Stalin sprachen die Unwahrheit. Denn schon am 8. Mai hatten sowjetische Ärzte in einem Berliner Vorort die Leichen Hitlers und seiner Frau obduziert und drei Tage darauf identifiziert. Die Obduktionsakten wurden sofort dem Kreml übermittelt. Dennoch hüllten sich die Sowjets in Schweigen; sie ließen es zu, ja, sie waren sogar noch behilflich dabei, daß über den Abgang Hitlers von der Weltbühne allerlei Legenden in Umlauf gebracht wurden. Und sie erhoben keinen Widerspruch, als britische und amerikanische Nachrichtenoffiziere nach monatelangen Untersuchungen folgenden Tatbestand konstatierten: Am 30. April 1945 zwischen 15.00 und 15.30 Uhr habe sich der deutsche Führer und Reichskanzler erschossen; seine frisch angetraute Frau Eva, geborene Braun, habe sich zur selben Zeit mit Zyankali vergiftet; beide Leichen seien im Garten der Reichskanzlei verbrannt worden, doch habe man die Überreste nicht gefunden. Diese allgemein akzeptierte Version ist seither in alle Geschichtsbücher, Schulbücher und Lexika eingegangen und vereinzelt sogar von sowjetischen Autoren und Filmregisseuren übernommen worden.