Anne Frank war ein Kind. Maria Rolnikaite, die im Warschauer Getto eingekerkert war und nicht weniger erschütternde Notizen hinterließ, war ebenfalls erst vierzehn Jahre alt. Auch unter den Opfern von Babij Jar, unter den Opfern von Lidice gab es viele Kinder. Und wie viele sind in Dresden umgekommen!

Diese paar Hinweise mögen einen Maßstab setzen, wenn wir uns nun dem Mord an den sechs Kindern der Familie Goebbels zuwenden. Gewiß, sechs sind nicht sechshunderttausend. Aber Mord bleibt Mord. Und sogar jene Historiker, die sich mit dem Leben des ehemaligen Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda voreingenommen auseinandersetzen, wagen nicht zu behaupten, daß Helga (geb. am 1. 9. 1932), Hilde (13. 4. 1934), Helmut (2. 10. 1935), Holde (19. 2. 1937), Hedda (5. 5. 1938) und Heide (29. 10. 1940) freiwillig in den Tod gegangen seien.

Im Durcheinander der Ereignisse um den 1. Mai 1945 wurde das Schicksal dieser Kinder kaum beachtet. Aber am Beispiel der Familie Goebbels wird erschreckend deutlich, in welche Abgründe eine „Greuelpropaganda“ sogar ihre Urheber führen kann. Glaubten Goebbels und seine Frau etwa im Ernst, daß die Alliierten ihren Zorn an den sechs Kindern auslassen könnten? Die Nachkriegszeit hat solche Vermutungen widerlegt. Den Kindern von Bormann, Himmler und vielen anderen Bonzen des Dritten Reiches ist kein Haar gekrümmt worden.

Schwerlich läßt sich alles mit dem Fanatismus erklären, der vor nichts zurückschreckt. Aber ein Regime, das den Mord als Mittel der Selbstbehauptung gutheißt, muß auf die Dauer Schaden an seiner eigenen Seele nehmen. Wer andere nicht als Menschen respektiert, hört früher oder später selber auf, ein Mensch zu sein.

Wie wurden die Kinder von Goebbels ermordet? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Einige, zum Beispiel Gobbels’ einstiger Staatssekretär Werner Naumann, behaupten, Magda Goebbels selbst habe Hand angelegt. Eine andere Version besagt, die Mutter habe sich draußen aufgehalten, als die Ärzte ihren Kindern das Gift einflößten. Und wieder andere meinen, man werde den genauen Ablauf des Geschehens nie erfahren.

Ich möchte nicht behaupten, daß die folgenden Dokumente ein volles Licht auf die Vorgänge werfen. Aber sie haben einen Vorzug: sie wurden unmittelbar nach den Ereignissen abgefaßt. Der Leser wird bemerken, daß Tatzeuge Dr. Helmut Kunz nicht gleich die ganze Wahrheit gesagt hat. Aber die sowjetischen Untersuchungsrichter unterzogen ihn nochmals einem sehr sorgfältigen Kreuzverhör.

Vernehmungsprotokoll

Den 7. Mai 1945. Der Chef der 4. Abteilung der Abwehrverwaltung „Smersch“ der 1. Weißrussischen Front, Oberstleutnant Wassiljew, hat den Kriegsgefangenen der deutschen Wehrmacht, Helmut Kunz, vernommen, wobei Untersuchungsrichter Oberleutnant Wlassow die Übersetzung ins Deutsche und aus dem Deutschen besorgte.

Zur Person: Kunz, Helmut Gustavowitsch, geb. 1910 in Ettlingen/Baden, Zahnarzt, zuletzt als Adjutant des Chefarztes in der Sanitätsverwaltung der SS in der Reichskanzlei. Am 21. 4. 45 wurde seine Sanitätsabteilung aufgelöst, und er wurde von einem Lazarett übernommen. Als das Lazarett am 23. April aus Berlin wegzog, wurde er zur Reichskanzlei abkommandiert. Um diese Zeit gab es dort keinen Zahnarzt.

Frage: Hatten Sie bis zum 23. April d. J. irgend etwas mit der Reichskanzlei zu tun?

Antwort: Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nichts mit der Reichskanzlei zu tun.

Frage: Was ist Ihr Dienstgrad?

Antwort: SS-Sturmbannführer.

Frage: Wen haben Sie während Ihrer Tätigkeit in der Reichskanzlei persönlich betreut?

Antwort: Ich betreute Frau Goebbels persönlich und behandelte später auch die Soldaten, die der Reichskanzlei zugeteilt waren.

Frage: Wie lange kennen Sie Goebbels und seine Familie?

Antwort: Goebbels habe ich am 1. Mai d. J. durch die Vermittlung seiner Frau kennengelernt. Bis dahin kannte ich ihn nur aus seinen Reden bei den Kundgebungen.

Frage: Wie ist es denn gekommen, daß Sie, ohne vorher Zugang zur Reichskanzlei gehabt zu haben, am 1. Mai d. J. mit Goebbels bekannt gemacht wurden und sofort ohne weiteres seine Wohnung betreten durften?

Antwort: Wahrscheinlich, weil ich Frau Goebbels behandelt hatte.

Frage: Waren Sie in der Wohnung von Goebbels?

Antwort: Ich war im Bunker, in der Reichskanzlei, wo auch seine Familie wohnte – seine Frau und seine Kinder.

Frage: Welche körperlichen Fehler an Goebbels, seiner Frau und seinen Kindern kennen Sie?

Antwort: Seine Frau und Kinder waren völlig normal, und Goebbels hinkte mit dem rechten Fuß.

Frage: Erzählen Sie etwas eingehender, was mit Goebbels und seiner Familie passiert ist.

Antwort: Am 27. April d. J. traf ich vor dem Abendessen Frau Goebbels zwischen acht und neun Uhr im Korridor am Eingang zu Hitlers Bunker. Sie sagte mir, daß sie mich in einer sehr wichtigen Angelegenheit sprechen möchte, und fügte gleich hinzu, die Situation sei jetzt so, daß wir wahrscheinlich sterben müßten. Deshalb bat sie mich, ihre Kinder töten zu helfen. Ich gab mein Einverständnis.

Nach diesem Gespräch führte mich Frau Goebbels in das Kinderschlafzimmer und zeigte mir all ihre Kinder. Die Kinder machten gerade Anstalten, zu Bett zu gehen, und ich sprach mit keinem von ihnen.

In dem Augenblick, als die Kinder zu Bett gingen, kam Goebbels herein, wünschte den Kindern eine gute Nacht und verschwand wieder.

Ich hielt mich etwa 10 bis 15 Minuten im Zimmer auf, dann wurde ich von Frau Goebbels verabschiedet, und ich ging zurück zu meinen Praxisräumen, die in einem der Bunker lagen, ungefähr 500 Meter von dem Bunker entfernt, wo sich Hitler, Goebbels und die anderen Personen des Führerhauptquartiers aufhielten.

Am 1. Mai d. J. gegen 4 bis 5 Uhr nachmittags wurde ich in der Praxis von Frau Goebbels angerufen; sie sagte, es sei schon viel Zeit verstrichen und bat mich, sofort zu ihrem Bunker zu kommen. Dann ging ich zu ihr, nahm aber keine Medikamente mit. Als ich Goebbels’ Wohnräume betrat, sah ich ihn selbst, seine Frau und den Staatssekretär des Propagandaministeriums, Naumann, im Arbeitszimmer, wo sie sich über irgend etwas unterhielten.

Ich wartete etwa zehn Minuten vor der Tür des Arbeitszimmers, bis Goebbels und Naumann weggingen. Dann bat mich Frau Goebbels hinein und teilte mir mit, die Entscheidung sei nun gefallen (sie meinte den Entschluß zur Tötung der Kinder), denn der Führer sei schon gestorben, und die Truppen würden ungefähr um 8 bis 9 Uhr einen Durchbruch versuchen. Deshalb müßten wir sterben, wir hätten keinen anderen Ausweg. Etwa nach 20 Minuten, als wir noch miteinander sprachen, kam Goebbels in sein Arbeitszimmer zurück und wandte, sich an mich mit den Worten: „Doktor, ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie meiner Frau helfen würden, die Kinder einzuschläfern.“

Ebenso wie seiner Frau bot ich auch Goebbels an, die Kinder im Lazarett unterzubringen und unter den Schutz des Roten Kreuzes zu stellen. Er erwiderte aber: „Das geht nicht; es sind doch die Kinder von Goebbels!“

Danach ging Goebbels, und ich blieb bei seiner Frau, die sich etwa eine Stunde lang mit Kartenlegen beschäftigte.

Nach etwa einer Stunde kam Goebbels wieder zu uns, zusammen mit dem stellvertretenden Gauleiter von Berlin, Schach. Wie ich aus ihrer Unterhaltung entnehmen konnte, sollte Schach mit den Soldaten auszubrechen versuchen. Er nahm jetzt von Goebbels Abschied. Goebbels schenkte ihm eine Brille mit einer dunklen Hornfassung und sagte: „Nehmen Sie das als Andenken, diese Brille hat immer der Führer getragen.“ Dann verabschiedete sich Schach von Frau Goebbels und von mir und ging.

Als Schach gegangen war, sagte Frau Goebbels: „Unsere Truppen ziehen nun weg, die Russen können jede Minute hier sein und uns stören. Deshalb müssen wir uns beeilen.“

Als wir, d. h. ich und Frau Goebbels, das Arbeitszimmer verließen, saßen zwei mir unbekannte Personen in Uniform im Vorzimmer, einer von ihnen hatte die Hitlerjugenduniform an; wie der andere gekleidet war, kann ich mich nicht mehr erinnern. Goebbels und seine Frau verabschiedeten sich von den beiden, wobei diese Unbekannten fragten: „Und wie haben Sie sich entschieden, Herr Minister?“ Goebbels erwiderte nichts, und seine Frau erklärte: „Der Gauleiter von Berlin und seine Familie bleiben in Berlin und werden hier sterben.“

Nach dem Abschied von den genannten Personen kam Goebbels in sein Arbeitszimmer zurück, und ich ging mit seiner Frau zu ihrer Bunkerwohnung. Im Vorzimmer nahm Frau Goebbels eine mit Morphium gefüllte Spritze aus dem Schrank und gab sie mir. Dann betraten wir das Kinderzimmer, die Kinder lagen schon im Bett, schliefen aber noch nicht.

Frau Goebbels sagte zu den Kindern: „Kinder, habt keine Angst, der Doktor gibt euch jetzt eine Spritze, die jetzt alle Kinder und Soldaten bekommen.“ Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer. Ich blieb dort allein und spritzte das Morphium ein – zunächst den beiden älteren Mädchen, dann dem Jungen und den übrigen Mädchen.

Ich spritzte am Unterarm unter dem Ellenbogen je 0,5 cm hoch 3 ein, um die Kinder schläfrig zu machen. Das Spritzen dauerte ungefähr 8 bis 10 Minuten, dann ging ich wieder ins Vorzimmer, wo ich Frau Goebbels antraf. Ich sagte zu ihr, man müsse etwa 10 Minuten warten, bis die Kinder eingeschlafen seien. Gleichzeitig sah ich auf die Uhr. Es war 20 Uhr 40 (am 1. Mai). Nach 10 Minuten ging Frau Goebbels in meiner Begleitung ins Kinderzimmer hinein, wo sie sich etwa fünf Minuten aufhielt und jedem Kind eine zerdrückte Ampulle mit Zyankali in den Mund legte. (jede Glasampulle enthielt 1,5 cm hoch 3 Zyankali.) Als wir in das Vorzimmer zurückkamen, sagte sie: „Jetzt ist Schluß mit allem.“

Dann ging ich mit ihr zum Arbeitszimmer von Goebbels hinunter, wo wir ihn in einem sehr nervösen Zustand, im Zimmer auf- und abgehend, antrafen. Beim Betreten des Arbeitszimmers sagte Frau Goebbels: „Mit den Kinder ist es vorbei, jetzt müssen wir an uns selber denken.“ Goebbels erwiderte: „Wir müssen uns beeilen, denn wir haben sehr wenig Zeit.“ Dann sagte Frau Goebbels: „Hier im Bunker wollen wir nicht sterben“, und Goebbels fügte hinzu: „Es ist klar, wir gehen in den Garten hinaus.“ Seine Frau erwiderte: „Nicht in den Garten, sondern zum Wilhelmsplatz, wo du dein ganzes Leben lang gearbeitet hast.“ (Der Wilhelmsplatz liegt zwischen dem Gebäude des Reichspropagandaministeriums und der Reichskanzlei.)

Im Laufe des Gesprächs dankte mir Goebbels dafür, daß ich ihr Schicksal erleichtert habe, dann verabschiedete er sich von mir, wünschte mir Erfolg im Leben und glückliches Heimkommen. Danach begab ich mich zu meiner Praxis (es war ungefähr 15 oder 20 Minuten nach 10 Uhr abends).

Frage: Wo konnte Frau Goebbels Giftstoffe (Zyankali) bekommen?

Antwort: Frau Goebbels selbst teilte mir mit, daß sie das Morphium und die Spritze von Stumpfegger, dem zweiten Arzt Hitlers bekommen habe. Woher sie die Ampullen mit Zyankali hatte, weiß ich nicht...

Frage: Haben Sie allein an der Tötung der Kinder von Goebbels teilgenommen?

Antwort: Ja, ich war allein.

Kunz wurde bald noch einmal vernommen. Hier sind die Auszüge aus dem Protokoll, das Untersuchungsrichter Wlassow am 19. Mai aufgenommen hat:

Frage: ... die Untersuchungsrichter haben Angaben vorliegen, daß Ihnen Dr. Stumpfegger bei der Tötung der Kinder von Goebbels geholfen hat. Können Sie das bestätigen?

Antwort: Ja, ich gebe zu, daß ich während der Untersuchung falsche Aussagen über die Umstände der Tötung der Kinder von Goebbels gemacht habe. Es ist wahr, daß Dr. Stumpfegger mir dabei geholfen hat. Die genauen Umstände der Tötung der Kinder von Goebbels waren so:

Nachdem ich allen Kindern Morphium eingespritzt hatte, ging ich aus dem Kinderschlafzimmer in den benachbarten Raum hinaus und wartete dort zusammen mit Frau Goebbels ab, bis die Kinder eingeschlafen waren. Sie bat mich, ihr in helfen, den Kindern das Gift zu geben. Das ehnte ich ab und sagte, daß ich dazu nicht genug seelische Kraft hätte. Dann forderte mich Frau Goebbels auf, Dr. Stumpfegger, den ersten Begleitarzt von Hitler, zu holen. Nach drei bis vier Minuten fand ich Stumpfegger, der im Bunker Hitlers im Speisezimmer saß, und sagte zu ihm: „Doktor, Frau Goebbels bittet Sie, zu ihr zu kommen.“ Als ich mit Stumpfegger in den Vorraum zum Kinderschlafzimmer kam, wo ich Frau Goebbels zurückgelassen hatte, war sie nicht mehr dort, und Stumpfegger ging gleich in das Schlafzimmer. Ich aber wartete im Nebenzimmer. Nach vier bis fünf Minuten kam Stumpfegger mit Frau Goebbels aus dem Kinderzimmer heraus, er ging gleich weg, ohne mir auch nur ein Wort zu sagen. Frau Goebbels sagte auch nichts und weinte nur.

Ich stieg mit ihr zum unteren Bunkergeschoß hinunter und kam zum Arbeitszimmer von Goebbels, wo ich mich von den beiden verabschiedete und dann zu meiner Praxis ging.

Frage: Warum haben Sie sich bei vorherigen Verhören über die Beteiligung Dr. Stumpfeggers an der Tötung der Kinder von Goebbels ausgeschwiegen?

Antwort: Die Ereignisse in den letzten Tagen vor der Kapitulation der deuschen Truppen in Berlin haben mich sehr mitgenommen, und ich habe diesen Umstand einfach ohne jede Absicht aus dem Blick verloren.

Soweit die Aussage von Dr. Kunz. Da Stumpfegger umgekommen sein soll, ist es schwer, diese Angaben zu prüfen. Das Ergebnis aber ist bekannt. Dr. Schkarawskij hat es in den Protokollen Nr. 1–2 und 8–11 über die Untersuchung der Kinderleichen festgehalten. Die Akten, die am 7. und 8. Mai 1945 in Buch abgefaßt wurden, ähneln sich, so daß es hier genügt, das Resümee der „Akte Nr. 1 über die gerichtsmedizinische Untersuchung der Leiche eines unbekannten Mädchens“ wiederzugeben. (Es handelt sich um die 12jährige Helga Goebbels.)

Schlußfolgerung:

Auf Grund der gerichtsmedizinischen Obduktion der Leiche eines etwa 15jährigen Mädchens (1) und der gerichtsmedizinischen Untersuchung seiner inneren Organe kommt die Kommission zu folgenden Schlüssen:

1. Bei der Obduktion wurden keine Verletzungen oder krankhaften Veränderungen festgestellt, die den Tod der Verstorbenen verursacht haben könnten.

2. Im Mund wurden Splitter einer zerdrückten Glasampulle gefunden; bei der Sektion der Leiche spürte man einen ausgeprägten bitteren Mandelgeruch, und bei der chemischen Untersuchung der inneren Organe wurde darin das Vorhandensein von Zyanverbindungen festgestellt.

Deshalb muß die Schlußfolgerung gezogen werden, daß der Tod des etwa 15jährigen Mädchens infolge Vergiftung durch eine Zyanverbindung eingetreten ist.

Protokoll über die Entdeckung der Familie Goebbels (Auszug)

Berlin, 3. Mai 1954

Am 2. Mai 1945 wurden im Zentrum von Berlin im Gelände des Bunkers der deutschen Reichskanzlei einige Meter von der Eingangstür entfernt von Oberstleutnant Klimenko und den Majoren Bystrow und Chasin in Anwesenheit von Berliner Einwohnern – den Deutschen Lange, Wilhelm, Koch der Reichskanzlei, und Schneider, Karl, Garagenmeister der Reichskanzlei – um 17.00 einer die angekohlten Leiche eines Mannes und einer Frau entdeckt; die Leiche des rechten war von niedrigem Wuchs, der Fuß des rechten Beines steckte in halbgekrümmter Stellung (Klumpfuß) in einer angekohlten Metallprothese; darauf lagen die Überreste einer verkohlten Parteiuniform der NSDAP und ein angesengtes Goldenes Parteiabzeichen; bei der vergoldenes Leiche der Frau wurde ein angesengtes goldenes Zigarettenetui entdeckt, auf der Leiche ein Goldenes Parteiabzeichen der NSDAP und eine angesengte goldene Brosche.

Zu Häupten der beiden Leichen lagen zwei Walther-Pistolen Nr. 1 (durch Feuer beschädigt).

Am 3. Mai d. J. wurden vom Zugführer der Abwehrabteilung „Smersch“ der 207. Schützendivision, Oberleutnant Iljin, im Bunker der Reichskanzlei in einem separaten Zimmer auf Betten liegend Kinderleichen im Alter von drei bis vierzehn Jahren aufgefunden. Sie waren mit leichten Nachthemden bekleidet und zeigten Vergiftungserscheinungen ...

Zur Identifikation der Leichen an Ort und Stelle wurden die Kriegsgefangenen – der persönliche Vertreter von Großadmiral Dönitz im Führerhauptquartier, Vizeadmiral Voß, Hans-Erich, geb. 1897, der Garagenmeister der Reichskanzlei, Schneider, Karl Friedrich Wilhelm und der Koch der Reichskanzlei, Lange, Wilhelm – hinzugezogen, die Goebbels, dessen Ehefrau und Kinder persönlich gut gekannt haben.

Vizeadmiral Voß, Lange und Schneider identifizierten eindeutig die Leichen – beim Verhör und bei der Vorführung der Leichen – als Goebbels, dessen Ehefrau und Kinder... Am 1. Mai d. J. sah Voß Goebbels zum letztenmal um 20.30 Uhr im Luftschutzbunker, wo Hitlers Hauptquartier untergebracht war. Dabei erklärte Goebbels im Gespräch mit Voß, daß er dem Beispiel Hitlers folgen, d. h. seinem Leben durch Selbstmord ein Ende setzen werde.

Voß erkannte in der angekohlten weiblichen Leiche die Ehefrau Goebbels’ und begründete seine Aussage mit den Angaben, daß die Frauenleiche dem Wuchs nach (etwas über mittelgroß) und wegen des Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP die Leiche der Ehefrau Goebbels’ sei. (Sie war die einzige deutsche Frau, die dieses Abzeichen trug; es war ihr von Hitler drei Tage vor seinem Selbstmord überreicht worden.)

Außerdem entdeckte man bei der Untersuchung des bei der Frauenleiche aufgefundenen Zigarettenetuis auf der Innenseite eines der Deckel das Monogramm „Adolf Hitler – 29. X. 34“ in deutscher Sprache; das Etui sei, wie Voß erklärte, in den letzten drei Wochen von der Ehefrau Goebbels’ benützt worden.

Bei der Besichtigung der Kinderleichen identifizierte Voß alle ausnahmslos als die Kinder von Goebbels, da er sie mehrmals gesehen hatte; eines der Mädchen, die etwa dreijährige Goebbels-Tochter Heide, sei zu wiederholten Malen in der Wohnung von Voß gewesen ...

1) Die Sachverständigen schätzten das Alter nach dem Aussehen. Eine Verrechnung um ein bis zwei Jahre ist in solchen Fällen zulässig.