Das Treffen der „protestantischen“ Katholiken

Von Heinz Josef Herbort

Essen, im September

Die Geste war eindeutig: Um die Botschaft Papst Pauls VI. an den 82. Deutschen Katholikentag zu verlesen, schritt nicht, wie vorgesehen und im Programm angekündigt, der Hausherr, der Essener Bischof Franz Hengsbach, ans Mikrophon, sondern der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Julius Kardinal Döpfner. Und der oberste Vertreter des deutschen Episkopats beließ es nicht bei den päpstlichen Gruß- und Mahnworten, sondern fügte ihnen, nach einer kleinen Pause, den Satz hinzu: „In dieser Stunde des Essener Katholikentags bekennen wir uns in der Mitverantwortung des Volkes Gottes, jeder in seiner Weise, und in unverbrüchlicher Treue zum Heiligen Vater, dem Nachfolger Petri, und zur gesamten katholischen Kirche.“

Mit seinem unvorgesehenen Auftritt und einer mustergültigen, geradezu jesuitisch-dialektischen Formulierung trat der Kardinal eine Flucht nach vorn an: Dreißig Minuten vor dem Ende des Katholikentages versuchte er mit einem Kabinettstück kirchlicher Diplomatie eine Reihe von Rissen zu kitten, die auf der Essener Kirchenversammlung an dem bislang als monolithisch geltenden Block des deutschen Katholizismus deutlich sichtbar geworden waren.

Döpfner setzte sich demonstrativ an die Spitze der deutschen Katholiken und stellte sich gleichzeitig schützend vor seine Gläubigen, denen der Papst in der Botschaft mitteilen ließ: „Nicht wenige nehmen heute für sich die Freiheit in Anspruch, ihre rein persönlichen Ansichten mit jener Autorität kundzutun, die sie offensichtlich dem streitig machen, der von Gott dieses Charisma besitzt. Man möchte gern erlaubt wissen, daß jeder in der Kirche meinen und glauben kann, was ihm beliebt. Dabei bedenkt man aber nicht, daß nur der sich voll und ganz in den Dienst der Wahrheit stellt, der sich dem Lehramt der Kirche unterordnet.“

Gerade an diesem Lehramt aber war zuvor an den fünf Tagen des 82. Deutschen Katholikentages heftigste Kritik geübt worden, gerade diese Freiheit der Ansichten und Meinungen war immer wieder verlangt worden.