Von Hellmuth Karasek

Auf die scholastische Frage, was denn Gott getan habe, bevor er die Welt erschuf, hat Luther die sarkastische Antwort erteilt, Gott habe im Busch gesessen und Ruten geschnitten, um diejenigen zu züchtigen, die solche und ähnliche Fragen stellen.

Luther mag gemeint haben, daß Fragen wie die, wes Geschlechts die Seraphim und Cherubim seien, gegenüber der Übergewalt des Glaubens unwesentlich, ja nichtig seien. Vielleicht aber ist in seiner Antwort auch zu spüren, daß die Scholastik, die sich scheinbar in der absoluten Sicherheit eines christlichen Weltgebäudes wiegte, dem auch die Logik sicher eingebettet schien, mit konkreten Fragen ein doch eher numinös-abstraktes Weltgebäude anzunagen drohte – des Glaubens allerdings, es zu festigen.

Leszek Kolakowski, der polnische Philosoph, der uns vor Jahren mit einer zynisch-genauen (übrigens später geschriebenen) Bibelexegese („Der Himmelsschlüssel“) erfreute, hat in seinem Buch

Leszek Kolakowski: „Gespräche mit dem Teufel, Acht Diskurse über das Böse und zwei Stücke“, aus dem Polnischen von Janusz von Pilecki; R. Piper & Co. Verlag, München; 216 S., 17,80 DM

den Brauch der scholastisch genauen Fragen scheinbar treuherzig wiederaufgenommen. Ohne Zweifel zu keinem anderen Endzweck als dem, mit bohrender Dialektik den Riß zwischen einer doch so oft gerühmten vernünftigen Weltordnung und dem augustinischen „Credo quia absurdum“ zu vergrößern.

Schon im „Himmelsschlüssel“ – Kolakowski nannte die Bibelinterpretation im Untertitel „Erbauliche Geschichten nach der Heiligen Schrift zur Belehrung und Warnung“ – kam es dem ungemein scharfsinnigen Autor weniger auf das wohlfeile Vergnügen an, sich mit Hilfe der dialektischen Vernunft über Glaubenswidersprüche lustig zu machen. Kolakowski geht auch jetzt stets einen entscheidenden Schritt weiter. Zwar behelligt seine scholastische Fragerei den Teufel und den lieben Gott bis zur unheilbaren Entwirrung der Begriffe, aber der nächste Schritt ist der, daß das in Frage gestellte Weltordnungssystem in eine Unordnung gerät, die wiederum korrespondierend, also sowohl „realistisch“ wie „vernünftig“, auf die Welt und ihre Unvernunft selber zurückfällt.