Von Vitus Dröscher

In den Bestsellerlisten tauchen immer wieder Überraschungen auf. Wer hätte gedacht, daß Sammelbände älterer wissenschaftlicher Abhandlungen zu Gunstobjekten breiter Leserschichten. werden könnten? Trotzdem hielten sich vor drei Jahren Professor Konrad Lorenz’ akademischnüchterne Traktate „Über tierisches und menschliches Verhalten“ auf den literarischen Schlagerparaden mit einer Hartnäckigkeit, die selbst bei erotischen Romanen ihresgleichen suchte. Das muß einen Grund haben. Lorenz selber sah ihn im starken „menschlichen Interesse am tierischen Verhalten“.

Indessen kamen damals die Schlußfolgerungen vom Tier auf den Menschen etwas zu kurz. Das soll nun mit einer weiteren Sammlung wissenschaftlichen Facharbeiten nachgeholt werden –

Konrad Lorenz/Paul Leyhausen: „Antriebe tierischen und menschlichen Verhaltens“; R. Piper & Co. Verlag, München; 436 S., Paperback, 16,80 DM.

Als wesentliche Neuerung führt Lorenz einen mit tierpsychologischen Erkenntnissen arbeitenden Humanpsychologen in die einer breiteren Öffentlichkeit zugängliche Literatur ein: seinen Schüler Dr. Paul Leyhausen, Leiter der Außenstelle Wuppertal des Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie. Während Lorenz selber nicht mehr als 34 Seiten mit einer alten Arbeit aus dem Jahre 1939 füllt, wagt Leyhausen auf den übrigen 402 Seiten in „ersten Gehversuchen“ die Verhaltenskunde von Mensch und Tier auf eine gemeinsame Basis zu stellen. Motto: „Es gibt nur eine Psychologie.“

Angelpunkt der Ansicht, daß Instinkte auch im menschlichen Verhalten eine bislang unerkannt gewichtige Rolle spielen, ist eine harmlos erscheinende kleine Beobachtung: Zu Beginn eines Flirts pflegt ein Verliebter einmal und nur für den Bruchteil einer Sekunde seine Augenbrauen hochzuziehen. Weder setzt er diesen Ausdruck bewußt in Szene, noch wird er vom Gegenüber bewußt erlebt. Merkwürdigerweise verfehlt dieses Mienenspiel aber trotzdem nicht seine Wirkung und bringt die Flirtenden einander näher.

So gibt es allein in der Sprache der menschlichen Mimik, die auch zwischen Eskimos und Südseeinsulanern weitgehend international verständlich ist, zahlreiche Gesten, die dem Orkus des Instinktlebens entspringen und rein gefühlsmäßig oder gar nur unterschwellig auf den Betrachter wirken. Welchen Eindruck macht ein Ausdruck in diesem Sinne? Und nach welchen Gesichtspunkten – in des Wortes ureigenster Bedeutung – wählen Tiere und Menschen ihren Sexualpartner?