Kiel

Herbstlicher Nieselregen tropfte auf bunte Regenschirme und gelbe Öljacken. Am Rande der Bannmeile des schleswig-holsteinischen Landtags an der Kieler Förde hatten sich etwa 250 Oberschüler versammelt, deren Kerntrupp die Angehörigen des Aktionskomitees Unabhängiger Sozialistischer Schüler (AUSS) von der Kieler Gelehrtenschule bildeten.

Dieses ehrwürdige Gymnasium, Hochburg der Gymnasiasten der Kieler Prominenz, ist seit Monaten in hellem Aufruhr. Die Kommunikation zwischen dem Lehrkörper unter Oberstudiendirektor Wolfgang Reußner und den Schülern funktioniert schon seit langem nicht mehr. Das Kultusministerium unter Minister Claus-Joachim von Heydebreck (CDU) steht aber auf Seiten Reußners.

Anlaß des Schülerprotestes: Im letzten Frühsommer hatte Studienrat Arno Hempelmann seiner Klasse, die auf gemeinsamer Fahrt in den italienischen Abruzzen war, angesichts einer nachlaufenden Kinderschar geraten: „Fußtritte sind die einzige Art, um dieses lästige Geschmeiß loszuwerden.“ So behaupteten es jedenfalls vor Beginn der großen Ferien zehn Schüler in einem von ihnen unterzeichneten Flugblatt. Hempelmann hat gegen sich ein (noch nicht abgeschlossenes) Disziplinarverfahren beantragt.

Darauf setzte eine Flugblattwelle des AUSS ein. In den Pamphleten wurde Direktor Reußner beschuldigt, „mit unkorrekten Mitteln den Doktor Hempelmann zu schützen“. Zur Siedehitze gedieh die Atmosphäre in dem Prominenten-Gymnasium, als Reußner glaubte, die Oberschüler Henning P. Langenheim und Christoph Maier als Hauptakteure zu erkennen, sie von der Schule verwies und Schützenhilfe vom Kultusministerium erhielt. Die Eltern gingen vor das Verwaltungsgericht und beantragten bis zu der Entscheidung Aufschub. Ihr Anwalt ist der Meinung, bis zum Verwaltungsurteil müssen die Schüler weiter am Unterricht teilnehmen – was aber nicht gestattet wird.

Gut zwanzig Stunden lang zogen dann 20 Oberschüler auf den Rasen vor der Gelehrtenschule in den Hungerstreik, den ersten, den Gymnasiasten in der Bundesrepublik veranstalteten. Unter ihnen befanden sich die Söhne von Professor Weissbecker (Städtisches Krankenhaus), Professor von Kügelgen (Anatomisches Institut) und Günther Dockerill (Schauspieler); ein Hinweis dafür, wie stark sich die Jugend der Kieler Prominenz gegen Schulleitung und Kultusministerium und für die beiden gemaßregelten Kameraden engagieren. Viele Eltern „solidarisierten“ sich, indem sie den unter Planen im Regen auf Luftmatratzen Hungernden warme Getränke brachten.

Politische Schützenhilfe fanden die Jungen und Mädchen der Gelehrtenschule vor allem bei dem Abgeordneten Busack. Er besuchte sie auf dem Hungerlager und war bei der Demonstration unter dem Fenster des Kultusministes von Heydebreck dabei. Er hat ein Bündel von Anfragen über den Landtag an die Regierung gerichtet. Das ganze wird im Volksbildungsausschuß und derb Abgeordnetenhaus noch ein Nachspiel haben. Sein Vorwurf: Das Ministerium hätte für eine rechtzeitige Aussprache zwischen Lehrern, Eltern und Schülern sorgen und das Disziplinarverfahren gegen Dr. Hempelmann beschleunigen müssen. H. A.