Das beste Wertpapier des letzten Jahrzehnts ist handgemalt.“ Mit dieser Feststellung überraschte kürzlich das deutsche Wirtschaftsmagazin „Capital“ seine Leser. Als „Beweis“ diente die Preisentwicklung einer 30 mal 40 Zentimeter kleinen Bleistiftzeichnung des Hamburgers Horst Janssen, die seit 1958 von 100 auf 5000 Mark gestiegen sei – „das sind 4900 Prozent Wertzuwachs“.

So mancher Leser mag sich gefragt haben, ob es nicht besser sei, aus dem Aktienmarkt in den Kunstmarkt umzusteigen. Viertausendneunhundert Prozent in zehn Jahren – wo sonst lassen sich ähnlich hohe Kursgewinne erzielen? Der berühmte Ausspruch des Öl-Milliardärs Paul Getty, wonach „Kunst die schönste aller Kapitalanlagen“ ist, schien sich wieder einmal bestätigt zu haben.

Allein, der Schein trügt, zumindest im Falle Janssen. Die Bleistiftzeichnung mit dem sagenhaften Wertzuwachs hätte selbst der ausgekochteste Kunstspekulant vor zehn Jahren nicht erverben können. Sie entstand nämlich erst Anfang dieses Jahres, und die Hamburger Galerie Brackstedt, die Janssen vertritt, verkaufte sie zum Preis von 3500 Mark.

Es bleibt unerfindlich, wieso dieser Zeichnung die Palme als „bestes Wertpapier des letzten Jahrzehnts“ gebühren soll. Man darf jedoch vermuten, daß sich die Preisangabe auf den bisherigen Auktionsrekordpreis für eine Janssen-Zeichnung stützt: Im Juni dieses Jahres wurde im Berner Auktionshaus Kornfeld und Klipstein eine 40 mal 28 Zentimeter große Janssen-Zeichnung mit 5600 Franken zugeschlagen. Aber auch in diesem Falle handelte es sich um eine Arbeit aus dem Jahre 1967, so daß keine Rede von einem sensationellen „Kursgewinn“ innerhalb der letzten zehn Jahre sein kann.

Davon abgesehen, ist es mehr als fragwürdig, einen einzelnen Auktionsrekordpreis für ein exzeptionelles Einzelstück zum Maßstab für die generelle Preisentwicklung eines Künstlers zu nehmen. Das gilt nicht nur für Janssen. Im Falle Janssen ist ein solcher Maßstab doppelt fragwürdig, weil dieser Künstler in erster Linie seiner Graphik wegen bekanntgeworden ist und der Janssen-Markt im wesentlichen von Holzschnitten, Radierungen und Lithographien bestritten wird. Die Preise für Graphik aber liegen wegen der mehr oder weniger hohen Auflagen generell wesentlich unter denen für Handzeichnungen, die jeweils nur in einem Exemplar vorhanden sind.

Radierungen und Lithographien von Janssen sind heute im allgemeinen zu Preisen zwischen 150 und 350 Mark zu haben; nur die großformatigen, frühen Holzschnittwerke, die in niedrigen Auflagen gedruckt wurden, erzielen gegenwärtig Preise bis zu 2500 Mark.

Der Fall Janssen bleibt jedoch – ungeachtet der fragwürdigen Einstufung durch ein Wirtschaftsmagazin als „Tabellenführer“ gewinnträchtiger Kunstaktien – von Interesse.