„Alle Gerüchte über eine Aufwertung der D-Mark sind null und nichtig.“ Mit diesen Worten reagierte Wirtschaftsminister Schiller auf die heftige Währungsspekulation am vergangenen Wochenende. Doch Auf- oder Abwertungen werden stets bis zum Vollzug dementiert oder abgestritten. Liegt die Veränderung eines Wechselkurses in der Luft, so hält auch das Dementi eines Wirtschaftsministers die Spekulation nicht auf.

Am vergangenen Wochenende wollten „zuverlässige Quellen“ wissen, daß das Bundeskabinett vor ungefähr zehn Tagen den Beschluß gefaßt habe, die Mark aufzuwerten, Alle wachen Bankiers warfen ihre Guthaben in fremden Währungen auf den Markt, um am Montag nicht zu den Aufwertungsverlierern zu gehören.

Ihr Verhalten war weder hysterisch noch überstürzt. Denn die Gerüchte klangen glaubhaft:

  • Auf- oder Abwertungen werden stets an Wochenenden, genauer an Samstagen vorgenommen, dann sind alle Börsen geschlossen. Eine Aufwertung zur Börsenzeit an einem normalen Wochentag würde ein Chaos an den Märkten verursachen und vielen Spekulanten die Chance geben, sich auf Kosten anderer zu bereichern. Obendrein brauchen alle Banken wenigstens einen Tag, um sich auf den neuen Wechselkurs umzustellen.
  • Eine Zeit von zehn Tagen, vom Kabinettsbeschluß bis zur Ausführung, ist nicht zu lang bemessen. Hat sich das Kabinett nach Abstimmung mit der Bundesbank zum Aufwertungsbeschluß durchgerungen, so muß der Währungsausschuß der EWG ins Vertrauen gezogen werden. Als letzte formale Etappe kommt schließlich der Internationale Währungsfonds. Ihm muß jede Veränderung eines Wechselkurses angezeigt werden.

Der Währungsfonds hat das Recht zum Einspruch, wenn die Parität zum amerikanischen Dollar um mehr als zehn Prozent jenes Kurses verändert werden soll, der nach der britischen Pfundabwertung im Jahre 1949 bestand: Ein US-Dollar gleich 4,20 Mark. Da die Mark schon einmal im März 1961 um fünf Prozent aufgewertet worden ist, blieben der Bundesregierung noch weitere fünf Prozent, wenn sie einer Einrede des Fonds entgehen wollte.

In der Praxis würde der Fonds nicht widersprechen. Sein Einspruchsrecht wurde nur geschaffen, um „ruinöse“ Abwertungen zu vermeiden. Gegen eine Aufwertung der Mark hat der Fonds bestimmt nichts einzuwenden.

Aber Konsultationen brauchen Zeit. Mit ihnen ist zugleich ein Risiko verbunden: Je mehr Menschen eingeschaltet werden, um so schwieriger ist es, eine Währungsoperation geheimzuhalten. Die Briten wissen ein Lied davon zu singen. Einige Tage vor ihrer zweiten Abwertung nach dem Kriege war ihre Absicht durchgesickert. Auch eine Aufwertung der Mark würde wahrscheinlich nicht bis zur letzten Minute geheim bleiben.