Von Horst Schlitter

Mainz

Ob Millionen, ob mehr oder viel weniger: es wird immer das persönliche Risiko jedes einzelnen sein, was er unternimmt, was er von Fall zu Fall in die Waagschale wirft. Mit diesen Worten versucht der Ehrenbürger der Mainzer Universität und Klosettpapier-Hersteller Hans Klenk eine Affäre aufzuhalten, die seit dem Ende der zweiten Oktoberwoche in der rheinland-pfälzischen Hauptstadt Wellen schlägt. Dieser Affäre liegt Klenks Vorliebe für „Alte Meister“ zugrunde, zu denen ihm der 72jährige Stuttgarter Gemäldehändler Friedrich Kohn nach und nach verhalf. Wieviel der Mainzer Industrielle dem Meisterhändler bezahlte, darüber gibt es nur Schätzungen, doch diese Schätzungen sprechen von über fünf Millionen Mark.

Seit den Monaten Mai und Juni dieses Jahres, als im Kunsthistorischen Institut der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität 96 Bilder aus der Klenkschen Privatsammlung als Meisterwerke von zum Teil höchster Herkunft ausgegeben wurden, werden Stimmen laut, die daran zweifeln, ob hier wirklich Meisterwerke zu sehen waren. Schlimmer noch: Der Leiter des Kunsthistorischen Instituts, Professor Richard Hamann-McLean, hatte zunächst im Katalog der Ausstellung zu erkennen geben wollen, daß .Rubens, Rembrandt, Velasquez und Breughel nicht mit eigenen Werken in der Ausstellung vertreten seien. Auf Intervention des Papierproduzenten verzichtete Hamann auf diese Einschränkung, wenn auch „nach langem Zögern, aber mit Rücksicht auf einen um die Universität verdienten Mäzen“. Die Leser des prächtigen Katalogs erfuhren lediglich, Rubens und die anderen seien „nicht mit Spitzenleistungen“ vertreten.

Peinlich wurde es, als sich im Verlauf der Ausstellung die Vorbesitzer von 27 der gezeigten Gemälde meldeten und darauf hinwiesen, sie hätten die „Meister“ dem Stuttgarter Gemäldehändler Kohn zurückgegeben. In einem der Fälle ist Kohn sogar schon zur Rückzahlung der vollen Kaufsumme verurteilt worden. Rund 20 Gemälde mußten daraufhin den Mainzer Kunstfreunden mit dem Zusatz „Zuschreibung“, „fragliche Zuschreibung“ oder „Werkstattarbeit“ präsentiert werden.

Institutsleiter Professor Hamann, der sich wegen des wohlwollenden Vorworts im Ausstellungskatalog dem Vorwurf ausgesetzt sah, es habe eine Manipulation mit Mäzen Klenk stattgefunden, konterte verärgert: „Ich habe von Anfang an nicht an die Echtheit der ‚Alten Meister‘ geglaubt.“ In einer offizellen Erklärung der Universität zur Gemäldeaffäre heißt es jedoch, das Institut habe seine kritische Funktion wahrgenommen, „wenn auch am Anfang – bedingt durch Zeitnot und unvorhergesehene technische Schwierigkeiten,– etwas zögernd und mit vorsichtiger Zurückhaltung“. In der gleichen Erklärung bedauert Klenk, „daß der Institutsdirektor persönlich in gewissen Fragen nicht ausreichend informiert wurde“. Die ortsansässige „Allgemeine Zeitung“ kommentierte dieses Pingpongspiel so: „Miserable Optik.“

Auch in anderem Zusammenhang trug Optisches dieser Tage in Mainz zur Verärgerung bei. Kurz bevor das Landesstudio Rheinland-Pfalz eine hart recherchierte Reportage über die Gemäldeaffäre sendete, tauchte der Universitätsdirektor Professor Manfred Mezger im Studio auf, „weil er einseitige Berichterstattung befürchtete.“ Nach dem Gespräch ließ Mezger wissen, er habe das Angebot der Funk-Redaktion abgelehnt, sich den Streifen vor der Sendung anzusehen. Die Antwort des Senders kam prompt: „Ein solches Angebot hat nicht existiert.“ In der für Mainz an Erklärungen reichen Zeit bescheinigte der Rektor sich selbst: „Eine Intervention fand nicht statt. Der Rektor hat sich durchweg korrekt verhalten.“