Staatssekretär Rolf Lahr wollte de Gaulle wohl eine Freude machen. Er teilte seinem Kollegen im Pariser Außenministerium, Jean Pierre Brunet, beim letzten Konsultationsgespräch Anfang September mit, die Bundesrepublik Deutschland lehne eine gemeinsame Osthandelspolitik der EWG zunächst ab.

Das teilte mir ein französischer Diplomat an der Seine fröhlich mit. Zufrieden meditierte er, daß die französische Regierung sich in Brüssel gar nicht unnötig weit vorzuwagen brauche, wenn sich Bonn schon gegen die vereinigte Osthandelspolitik der Europa-Gemeinschaft stelle, die im Vertrag von Rom zwingend vorgeschrieben ist. Paris will Moskau mit einem massiven, handelspolitischen Auftreten der EWG nicht provozieren. Bonn wiederum fürchtet merkwürdigerweise, ostpolitische Handlungsfreiheit einzubüßen, wenn es in den osteuropäischen Wirtschaftsbeziehungen künftig gemeinschaftlich statt isoliert operieren müßte.

Die Unsinnigkeit solcher Erwägungen zeigte sich nach Meinung eines sehr prominenten „Europäers“ während der Prager Krise: Als die ČSSR aus dem Westen Kredite brauchte, hätten die Bonner „Revanchisten“ aus Angst, Moskau zu erzürnen, es nie gewagt, solche Wünsche zu erfüllen. Bei einer EWG-Aktion hätte dagegen die deutsche Hilfe ohne Gefahr einer Provokation im Rahmen eines Gemeinschaftskredits gewährt wenden können. Doch die EWG war dazu unfähig – dank der Bonner und Pariser Bremspolitik in der Handelsfrage.

Angesichts dieser Haltung der zwei Regierungen wundert es niemanden im EWG-Hauptquartier, daß im Neun-Punkte-Programm des Außenministers Michel Debré, der sich im Namen de Gaulles zum Vorkämpfer neuer Initiativen zur Wirtschaftsintegration gemacht hat, die gemeinsame Handelspolitik fehlt. Doch – Ironie der Geschichte – mit Debré ficht nun ausgerechnet jener Mann für den inneren Ausbau der Gemeinschaft, der am 19. Juli 1957 in der großen Pariser Debatte über den EWG-Vertrag ein Schauergemälde der Gefahren entwarf, die Frankreich von dieser Wirtschaftsgemeinschaft drohten. Das läßt die deprimierten Brüsseler Eurokraten etwas aufatmen.

In der großen EWG-Krise von 1965/66 mußten die fünf Partner sieben Monate warten, bevor de Gaulle sich zu Kompromissen bequemte – diesmal vergingen keine vier Wochen, seit seine düsteren Andeutungen in Bonn, Frankreich könne auch ohne den Gemeinsamen Markt leben. „Wenn ein großer, aber starrsinniger Mann Einsicht beweist, dann grenzt das an Weisheit“, sagte mir dazu ein französischer Industrieller.

Die späte Weisheit freilich läßt sich rein rechnerisch erklären – mit einem Blick auf die Preisentwicklung. Seit den Sommerferien wurden die Friseure in Frankreich um bis zu 12 Prozent teurer. Höhere Arzthonorare belasten die Lebenshaltung mit knapp einem Prozent zusätzlich. Viele Garagenbesitzer erhöhten die Miete pro Auto um bis zu 60 Prozent, zahlreiche Restaurants bieten die Genüsse aus Küche und Keller bisweilen um 20 bis 30 Prozent teurer an. Gerade mußte die Regierung die Erhöhung des erst nach der Mai-Krise um 36 Prozent gesteigerten garantierten Mindestlohns genehmigen, der alle anderen Industrielöhne nachziehen wird. Die Aussicht, den Preisanstieg in Frankreich auf fünf Prozent zu begrenzen, schwindet.

Raymond Barre, französischer Vizepräsident der Europäischen Kommission, verfolgt deshalb mit Sorge die Entwicklung in seinem Heimatland. Er hätte es gern gesehen, wenn die Regierung in Paris die Dienstleistungspreise gestoppt hätte. Von ihnen allein droht nämlich der Stabilisierung der französischen Wirtschaft Gefahr. Sie könnte nach Ansicht Barres bis Ende nächsten Jahres nach den Wirren der Mai-Juni-Unruhen wieder im Gleichgewicht sein – falls das Dienstleistungsgewerbe keinen Strich durch diese Rechnung macht. Barre ist in der Kommission für Wirtschaft und Finanzen zuständig. Er erkennt das Risiko für die Europa-Gemeinschaft: Jede Inflation in einem Mitgliedsland greift im zollfreien Großmarkt auf die anderen über.