Gustav Heinemann – der Bewerber der SPD für das Präsidentenamt

Von Rolf Zundel

Auch heute noch wirkt Gustav Heinemann manchmal wie ein Außenseiter, obwohl ihn die gute politische Gesellschaft, die ihn zuweilen wie einen Aussätzigen behandelte, wieder akzeptiert hat, obwohl er im Ministeramt und in SPD-Vorstandswürden steht und jetzt sogar von seiner Partei als Kandidat für das höchste Staatsamt nominiert worden ist. Fast unberührt von dem fintenreichen Spiel um das Amt des Bundespräsidenten geht er seinen Geschäften nach. Mittags sieht man ihn, wie er – der einzige Minister, der bei solchem Tun beobachtet wurde – zu Fuß vom Bundeshausrestaurant zu seiner Wohnung spaziert. Da schreitet er, in sehr gerader Haltung, die zierliche, schlanke Gestalt dunkel und adrett gekleidet, die Aktentasche in der Hand, meist allein – ein grau gewordener David, der manchen Goliath überlebt hat.

Heinemann hat die Rolle des Außenseiters nie gesucht, sie ist ihm allerdings selten erspart geblieben. Insofern steht er, ein gläubiger Christ, durchaus in guter protestantischer Tradition. Zukunftsträchtig am Protestantismus, so heißt es einmal bei Paul Tillich, sei der Protest gegen jede Macht, die für sich absoluten und göttlichen Charakter beansprucht, sei es Staat, Führer oder Kirche. Solcher Protest sei heute nötiger denn je, weil sich überall totalitäre Autoritäten geltend machten. Diesen Protest hat Heinemann ein Leben lang verkörpert.

Kaum war der junge Student Gustav Heinemann aus dem Ersten Weltkrieg nach Hause gekommen, geriet er schon mitten in den politischen Streit. In Marburg, wo es unter den Studenten eine massive schwarz-weiß-rote Mehrheit gab, hielt er es mit den Verteidigern der jungen Republik. Damals lernte er Ernst Lemmer kennen, der Vorsitzender der liberalen Studentengruppe war, und Victor Agartz, den jungen Sozialisten. In den Tagen des Kapp-Putsches reiste er als Kurier in wichtigem Auftrag nach Kassel, verteilte dort unter den Arbeitern des Henschel-Werkes Aufrufe zum Generalstreik und wurde kurze Zeit inhaftiert. Als in Thüringen der rote Aufstand losbrach, war er wieder dabei. Die Marburger hatten ein Bataillon von Zeitfreiwilligen aufgestellt; es bestand aus drei Kompanien mit stark nationalreaktionärem Einschlag und einer Volkskompanie, in der mit dem Zugführer Lemmer auch Gustav Heinemann mitzog, desgleichen der Unteroffizier Wilhelm Röpke, der später berühmt gewordene neoliberale Wirtschaftswissenschaftler.

Die Mitglieder der Volkskompanie sahen ihre Aufgabe nicht nur darin, die Aufständischen zu entwaffnen. Sie fürchteten auch, daß die anderen Kompanien, wenn man sie gewähren ließ, auf Kommunistenhatz gingen. Tatsächlich wurden fünfzehn Arbeiter „auf der Flucht erschossen“. Lemmer und Heinemann sorgten dafür, daß die Sache publik wurde. In einem Schwurgerichts-Marburg nicht mehr halten; Er ging nach München, wo Adolf Hitler eben dabei war, seine Bewegung zu organisieren. Heinemann erzählt: „Einmal ging ich zu einer Naziversammlung in einem typisch Münchener Lokal, nahm aber nur bis zur Hälfte daran teil. Dann flog ich raus. Das war übrigens meine einzige Begegnung mit Adolf Hitler.“

Im Unterschied zu den Berufsrebellen legte Heinemann Wert auf eine solide Ausbildung und einen ordentlichen Beruf. Die Stationen: 1922 Dr. rer. pol., juristischer Vorbereitungsdienst, Eintritt in ein Anwaltsbüro, Justitiar der Rheinischen Stahlwerke, Promotion zum Dr. jur., 1936 Vorstandsmitglied der Stahlwerke – eine brillante Karriere für einen Mann, der noch nicht einmal die Vierzig erreicht hatte. Viele hätten sich damit zufriedengegeben, nicht Heinemann; er lud sich neue Schwierigkeiten auf.