Von Thomas von Randow

An Luis Alvarez hatte niemand gedacht, als man, wie in jedem Herbst an den wissenschaftlichen Forschungsstätten, darüber diskutierte, wer wohl in diesem Jahr den Nobelpreis für Physik erhalten würde. Doch als bekannt wurde, daß dem 57jährigen Physikprofessor an der Universität von Kalifornien in Berkeley der Preis zugesprochen worden war, da meinte jeder: Alvarez, ja, der hatte ihn längst schon bekommen müssen. Wofür?

Dafür, daß er zusammen mit Compton die positive elektrische Ladung in kosmischen Strahlungspartikeln nachgewiesen hatte? Dafür, daß er als erster das magnetische Moment des Neutrons gemessen hat? Für seine Entdeckung des Wasserstoffisotops Tritium und des Heliumisotops 3He? Für seine bahnbrechenden Arbeiten an Blindlandesystemen für Flugzeuge oder auf dem Gebiet der Radartechnik?

Nicht diese wichtigen Beiträge zur Physik und zur Technik sind in der offiziellen Begründung für die Preisverleihung erwähnt, auch nicht die Tatsache, daß er so nebenbei den heute wichtigsten Typ des linearen Protonenbeschleunigers erfunden hat. (Bezeichnend für die Vielseitigkeit des kalifornischen Professors ist auch dies: Als Spezialist für Explosionswirkungen flog er kurz hinter dem Flugzeug her, das die Atombombe auf Hiroshima warf. Alvarez’ Aufgabe war es, während des Infernos Licht, Schall, Wärme und Druck zu messen.)

In der Nachricht aus Stockholm werden zwei Verdienste des amerikanischen Forschers hervorgehoben: Sein Beitrag zur Entwicklung der Blasenkammer, des Instrumentes, mit dem man die Bahnen elektrisch geladener Elementarteilchen sichtbar machen kann und die Entdeckungen, die er an diesem Nachweisgerät gemacht hat.

In der Hochenergiephysik – um dieses Gebiet handelt es sich hier – werden Gegenstände untersucht, die hunderttausendmal kleiner sind als Atome. Zu diesen Elementarteilchen gehören zum Beispiel die Atombausteine (Proton, Neutron, Elektron), die Partikel der Lichtstrahlen (Photonen) und die, die den Atomkern zusammenhalten (die Pionen), auch die – noch nicht entdeckten – Teilchen der Schwerkraft (Gravitonen) sowie die über zweihundert bislang bekannten anderen Partikel, die in der kosmischen Strahlung enthalten sind oder von den Physikern künstlich erzeugt werden.

Man ist bestrebt, Ordnung in diesen „Elementarteilchen-Zoo“ zu bringen, in der Hoffnung, eine solche Systematik könne eine einfache Erklärung für die Vielfalt der Partikel liefern, ähnlich wie das Periodische System die Verschiedenheit der chemischen Elemente als Folge eines einfachen Sachverhaltes, der Kernladung, erkennbar gemacht hat. Vorerst aber ist es nicht soweit, die Elementarteilchen müssen noch weiter erforscht werden.