Dienstag, 29. Oktober, ARD/WDF: „Eine Ehe“ von Hans Rolf Strobel und Heinrich Tichawsky

Der erste Spielfilm des Dokumentarfilmerpaars Strobel/Tichawsky war ursprünglich fürs Kino bestimmt; dann meldete der Produzent Wünsche an, die die Autoren nicht zu erfüllen bereit waren, und als Finanzier sprang der Westdeutsche Rundfunk ein. Da das nicht selbstverständlich ist und da die Ehe intelligente Filme verdient, ist es um so bedauerlicher, daß dieser Film schließlich eine solche ärmliche Ödnis wurde.

Eine Ehe also; und zwar eine nach sechs Jahren geschiedene. Der Film nennt sich selber eine Untersuchung. Untersucht werden soll, warum diese Ehe ein Ende fand, warum so viele. Ehen nicht halten, bis daß der Tod sie scheidet.

Achteinhalb Bilder aus dem Alltag dieser sechs Jahre, achteinhalb Bilder, in denen die Heidi und der Peter (dargestellt von der Heidi Stroh und dem Peter Graaf) mufflig und beziehungslos nebeneinander herleben, ohne daß sie sich irgend etwas zu sagen, irgend etwas miteinander anzufangen wüßten. Das gibt es natürlich in Massen; aber wozu einen Film darüber machen, dem seinerseits zu einem solchen Fall nichts einfällt? Der nichts erklärt, was die beiden Verheirateten nicht schon nicht erklärt hätten?

Aber Strobel und Tichawsky haben der Anfertigung ihres Filmes ausführliche Eheanalysen vorausgehen lassen; sie haben ihr trockenes Opus mit Mitscherlich-, Bloch- und John-Lennon-Zitaten aufgeputzt; sie glauben Erklärungen zu liefern. Und mit ihnen fängt die sonst nur gleichgültige Sache an, ärgerlich zu werden.

Der Peter ist Städteplaner in der Münchner Baubehörde; er hat progressive Ideen, die dem grassierenden. Eigenheimdenken irgendwie entgegengesetzt zu sein scheinen, und progressive Ideen haben es allerdings schwer. Progressive Ideen in Ehesachen meinen auch Strobel und Tichawsky zu verfechten, aber es sind unerhört faule Ideen, die keine Feldforschungen voraussetzen, sondern einem ebensogut in der Badewanne kommen können und über deren Stichhaltigkeit der Film selber gar nichts sagt.

Heidi, heißt es, fühle sich durch Peter in ihrer Persönlichkeitsentfaltung gehemmt; welche Persönlichkeit sie demgegenüber entfalten möchte, bleibt indes dunkel. Peter benehme sich „patriarchisch“; die Szene, in der das Wort fällt, zeigt ihn auf einem Gartenstuhl sitzend. Das kann es doch wohl nicht sein? Oder besteht sein patriarchisches Verhalten darin, daß er sie, die sich tagsüber offenbar nichts als langweilt, einmal um etwas zu essen bittet, als er abends von der Arbeit nach Hause kommt? Ohne Widerrede schmiert er sich die Stullen allein. Ist er ein Patriarch, weil er abends zuweilen noch zu lesen und zu schreiben wünscht, wenn sie vielleicht mit ihm schlafen will? Eine progressive Ehe kann doch schwerlich diejenige sein, in der die Männer abends nichts mehr zu arbeiten haben. Aha, er vereinzelt sich mit seiner Arbeit, sie möchte diskutierend beteiligt sein. Aber sie versteht offenbar nichts vom Städtebau und interessiert sich auch nicht dafür; und gehen etwa jene Ehen gut, in denen beide immer zusammen in einem Buch lesen? Beide, heißt es, fühlen sich voneinander zu sehr besessen. Das mag wohl sein; aber der Film führt eine Ehe vor, deren Partner denkbar wenig Besitzrechte aneinander anmelden. Kurz, am Ende ist der Schwarze Peter bei dem Abstraktum „die Gesellschaft“: Sie habe verhindert, daß diese beiden miteinander zurechtkamen. Die Protagonisten und ihre einfühlsamen Zuschauer dürfen sich erleichtert von allem persönlichen Versagen frei fühlen – die Schuld liegt ja von vornherein bei den Verhältnissen.