Von Alex Natan

Sir Oswald Mosley: „My Life“; Nelson Verlag, London, 521 Seiten, 70sh

Der ehemalige „Führer“ der britischen Faschisten, der seit 1951 in Frankreich das vergessene Leben eines Grandseigneurs führt, legt seine Erinnerungen zu einem Zeitpunkt vor, zu dem in England steigend der Wunsch nach einem außerparlamentarischen Rechtsdrall hörbar wird. Die alternde Primadonna der Londoner Straßenkämpfe in den dreißiger Jahren hat für dieses Buch die schlechteste und gleichzeitig die kritischste Presse gefunden, die sich denken läßt. Diese Memoiren hätten Enoch Powell gewidmet sein sollen, der sicherlich in seinem weiteren Lebenslauf die grundsätzlichen Fehler vermeiden wird, die Mosleys Karriere zu einem Fehlschlag werden ließen.

Dabei verdient das Buch eine ernste Studie nicht etwa wegen der Schlafsucht, die die prahlerische Schwülstigkeit des Stils oder die intellektuelle Armut an Gedanken und Vorstellungen der politischen Wirklichkeit erweckt, sondern, weil es mit antiker Unerbittlichkeit Aufstieg und Fall eines Menschen zeigt, dessen Hybris keine Grenzen kannte und der sich selbst aus dem Kreis jener, die ernst genommen werden können, ausgemerzt hat. Jene „Schwarzhemdenbewegung“, die in diesem Buch strahlend weiß gewaschen wird und tatsächlich nur zu Kriegsbeginn 1939 aus Sicherheitsgründen eine vorübergehende Gefahr bildete, war nämlich das Resultat einer zur Tat entschlossenen Verzweiflung eines der begabtesten Engländer, die nicht im Ersten Weltkrieg getötet worden waren. Dringende soziale und wirtschaftliche Reformen, die von allen britischen Regierungen zwischen den Kriegen vermieden und als unerwünscht abgelehnt wurden – er wollte sie durchsetzen.

Sir Oswald Mosley stammte aus einem reichen Hause; ihm hat es niemals an finanzieller Unabhängigkeit gefehlt, obwohl er gerade die Finanzierung seiner faschistischen Bewegung mit einer dichten Nebelwand verhüllt. Man muß wohl Mosley glauben, daß er als Pazifist dem Gemetzel entkam, entschlossen, alles zu verhindern, was sein Vaterland erneut in einen neuen Krieg verwickeln könnte. Hier liegt der Grund für die ideologische Unterstützung Hitlers, dem er freie Hand lassen wollte, solange dieser gen Osten marschierte, jedoch gegen den er mitsamt seiner Bewegung die Waffen aufnehmen wollte, falls er wirklich gegen „Engelland fahren“ würde. Wie wenig ihm die Behörden diese politische Schaukelpolitik glaubten, zeigte seine Internierung im Sommer 1940.

Als blutjunger Abgeordneter der Konservativen Partei erlebte Mosley, wie jenes Versprechen, das der demobilisierten Armee gegeben worden war, aus England „ein Jerusalem für friedliche Krieger“ zu machen, gebrochen wurde. Es kann kein Zweifel herrschen, daß Mosleys Übertritt zur Labour Party aus ehrlichen, ja idealistischen Gründen geschah. Dort galt er sehr bald als der kommende Mann, dem Ramsey Macdonald bereits 1929 einen Ministerposten anvertraute. Im Kabinett selbst fand Mosley nicht das geringste Verständnis für seine Pläne und Ideen, die heute längst für selbstverständlich gelten. Angewidert von der hoffnungslosen Unfähigkeit seiner Kollegen, die große Krise von 1930 zu lösen, verließ Mosley die Partei, höchstwahrscheinlich der ehrlichste politische Schritt, den er jemals unternommen hat, aber auch der für ihn verhängnisvollste.

Es ist Mosley immer wieder von Politikern und Historikern versichert worden, daß er, der als Redner und Demagoge zur Spitzenklasse der Lloyd George und Bevan zählte, Prime Minister von Großbritannien hätte werden können, sowohl für die Konservativen wie für Labour, wenn er gewartet und sich damals weniger arrogant und geduldiger gezeigt hätte. Mosley war der einzige Labour-Führer, dessen Ruf nach der Sterling-Katastrophe nicht gelitten hatte. Damals genoß er größten Zulauf und beging den schwersten Fehler seines Lebens. Er war davon überzeugt, daß die Massenarbeitslosigkeit seine Landsleute zur politischen Aktion drängen würde. In diesem Augenblick, so glaubte Mosley, würde er, der charismatische Führer, sein Volk aus der Wüste in ein neues Paradies führen können. Wir wissen aus den Memoiren von Harald Nicolson, wie viele prominente Menschen des damaligen britischen Establishment nur zu bereit waren, Mosley und seine „New Party“ zu unterstützen. Als aber Mosley einsehen mußte, daß der englische Wähler politisch konservativ gesinnt ist, nicht bereit, sich für extreme Lösungen einzusetzen, und die Neue Partei die Wahlen glatt verlor, verschrieb er sich dem Faschismus, ein Teufelspakt, den er heute, wie aus einem Fernsehinterview hervorging, zu bereuen scheint. Sobald er sich dazu bekannt hatte – erst zu Mussolini, dann zu Hitler, der seiner zweiten Heirat in Berlin als Ehrengast beiwohnte –, gab es kein Zurück mehr.