Von Marcel Reich-Ranicki

Die Nebenarbeiten mancher Schriftsteller sind nicht nur sympathischer und liebenswürdiger, sondern in einem gewissen Sinne sogar reifer und weiser als diejenigen Werke, die ihre ganze Person in Anspruch genommen haben und ihren Ehrgeiz voll erkennen lassen.

Denn kleinere literarische Vorhaben, die einem Ausschnitt der Welt beizukommen versuchen, ohne sie aus den Angeln heben zu wollen, können weit besser die unvermeidbare Anstrengung des Autors verbergen. Es ist ja meist ein aufregender und imponierender und doch auch abschreckender Kraftakt, dem Hauptwerke ihre Entstehung verdanken. Gewiß, er ermöglicht ihre Dimensionen, aber zugleich verzerrt er ihre Proportionen.

Das gilt, meine ich, auch für Elias Canetti, der noch unter den Außenseitern unserer zeitgenössischen Literatur ein Außenseiter ist – und das nicht ohne Grund. Doch seit der Münchener Hanser Verlag mutig genug war, sich des Werks dieses in Bulgarien geborenen, nun schon dreißig Jahre in England lebenden und in deutscher Sprache schreibenden Juden anzunehmen, hat es auch hier, wie schon vorher in der angelsächsischen Welt, eine zwar kleine, aber um so intensivere und wohl langsam wachsende Leserschaft, wenn nicht gar Anhängerschaft gefunden.

Als Canettis Roman „Die Blendung“ zum erstenmal erschienen war – 1935 in Wien –, sprach Thomas Mann von dem „Debordierenden seiner Phantasie“ sowie von „erbitterter Großartigkeit“ und Hermann Broch von einer „abstrakten Seelenlandschaft“.

In der Tat: Was Canetti anstrebt und zumindest skizziert, ist von „erbitterter Großartigkeit“. Nur daß er ihr kaum gerecht werden kann. Die ungeheuerlichen Blüten, die seine über alle Ufer tretende Phantasie treibt, erweisen sich als Versprechen, auf deren Einlösung man vergeblich warten muß: Es sind Schecks, die sich in keiner Valuta decken lassen. Daher bleibt seine Seelenlandschaft erschreckend abstrakt.

Das trifft ebenso auf seine Dramen zu – vor allem auf die „Komödie der Eitelkeit“ und „Die Befristeten“ –, denen nahezu genialische Einfälle zugrunde liegen und die dennoch letztlich enttäuschen, wie auch auf die „Blendung“ selber, dieses geradezu monströse und exorbitante epische Unternehmen: die Parabel vom Intellektuellen in unserem Jahrhundert. Aber so grandios ihre Konzeption, so dubios ihre Realisation: ein auf höchster Ebene mißratener Roman.