Aus dem Nachbarraum klangen Stimmen herüber. Manchmal einzeln, dann zu einem Sprechchor vereinigt, wiederholten sie endlos dieselben unverständlichen Lautpassagen: Fünf Deutsche, als „Entwicklungshelfer“ erst vor wenigen Tagen in Kathmandu, der Hauptstadt Nepals, angekommen, machten ihre ersten Versuche in Nepali, der Landessprache dieses Bergstaates am Fuße des Mount Everest.

Mit den fünf Neulingen aus der Bundesrepublik zählt die Gruppe der deutschen Entwicklungshelfer siebzehn Mitglieder – eine bescheidene Zahl, wenn man bedenkt, daß sie dazu beitragen sollen, den etwa zehn Millionen Einwohnern beizubringen, wie Autos repariert, Fischteiche angelegt, Dünger benutzt und Spritzen sterilisiert werden. Sie sind keine Idealisten voll hehrer Motivationen; warum sie sich hierher aufgemacht haben, deutet die Antwort des 34jährigen Gruppenleiters Wacher, Gewerbelehrer aus Baden-Württemberg, an: raus aus der Tretmühle des Alltags, raus aus der Lehrerzimmeratmosphäre, raus aus den Gesprächen der Kollegen; dazu kommt, vielleicht, ein bißchen Abenteuerlust.

In der modernsten Schule Nepals, ein paar Kilometer außerhalb Kathmandus, traf ich Heidi Bassing; jeder hier kennt die 28 Jahre alte Kindergärtnerin aus Augsburg. Der Eindruck eines gut funktionierenden. Kindergartens, seinem deutschen Artgenossen sehr ähnlich, drängte sich bald auf. Kinderzeichnungen mit Blumen und Bergen an den Wänden, kleines robustes Gestühl, einige Bauklötze auf dem Fußboden. Das unschuldige Bild täuscht.

Als Heidi Bassing Anfang Januar in Kathmandu ankam, sprach sie kein Wort Nepali – aber der Lehrplan des Kindergartens sieht das Lernen von Zahlen und Buchstaben vor. Wie also ist es um das Vorbereitungstraining in Deutschland bestellt?

Es folgten Wochen des Wartens, denn es fehlten die Kinder, die zum vorschulischen Abc erwartet wurden. Erst waren Ferien. Es folgten Vertröstungen, dann standen zwar immer häufiger größere Familien, vom Großvater bis zum Baby, an den großen Fenstern des modernen Flachbaues und betrachteten neugierig das fremde Geschöpf aus dem fernen Europa, dem sie ihre Zöglinge anvertrauen sollten, aber das tief verwurzelte Mißtrauen gegen alles Fremde, insbesondere aus dem Westen, war zunächst stärker. Es dauerte zweieinhalb Monate, ehe Minderwertigkeitsgefühle, Ressentiments aus Kolonialzeiten und aufkeimender Nationalstolz nicht mehr hinderlich waren.

Es hapert auch mit dem „Counter-Part“ – das ist derjenige Nepalese, der dem Entwicklungshelfer während seiner zweijährigen Arbeit auf Schritt und Tritt folgen und ihn später ersetzen soll. Heidi Bassings Partnerin jedoch wird dies nie können. Sie zeigt wenig Lust und erscheint nur sporadisch. Von dem sechs Stunden langen Arbeitstag steht man drei auf den Korridoren, um ein Schwätzchen zu halten und Tee zu trinken. So ist die deutsche Helferin fast jeden Morgen allein mit den vierzig vier- bis sechsjährigen Kindern, unterweist sie in der Benutzung eines Taschentuches, achtet auf geschnittene Fingernägel, moniert ungeputzte Schuhe, zieht Hosen hoch, die in den Kniekehlen hängen, und bindet Schuhbänder zu – alles ein bißchen deutsch.

Unter dem Dachfirst des Regierungspalastes, in drei großen Abstell- oder Gerümpelräumen, befindet sich die Spezialbibliothek für wirtschaftswissenschaftliche Literatur des Entwicklungsministeriums in Nepal. Im letzten Zimmer, hinter einem großen Schreibtisch, ist der Arbeitsplatz von Hans-Jörg Roeder. Der 27jährige gelernte Verlagsbuchhändler mit einjähriger Bibliothekspraxis, salopp gekleidet und voller Selbstbewußtsein, ist damit beschäftigt, aus vielen Büchern eine Bibliothek zu machen.