Von Marion Gräfin Dönhoff

Während der letzten drei Jahre hieß es immer wieder: „Ja, wenn der Vietnam-Krieg nicht wäre, dann würden Ost und West bestimmt zu einem Arrangement kommen.“ Dieser Vorstellung lag die Auffassung zugrunde, daß beide Supermächte das gleiche Interesse an einer Entspannung hatten, daß beide die Konfrontation in Südostasien als eine Art Betriebsunfall beklagen und darum entschlossen seien, sobald sich dort ein Friedensschluß abzeichnet, alles daranzusetzen, um überall in der Welt zu einem erträglichen Nebeneinander zu kommen.

Wird diese Hoffnung sich erfüllen – nun, da in Nordvietnam keine Bomben mehr fallen? Zugegeben, daß angesichts der Weigerung Thieus, an den Verhandlungen in Paris teilzunehmen, und angesichts der Devise Ho Tschi Minhs, nun erst recht zu kämpfen, bis der letzte amerikanische Soldat vietnamesischen Boden verlassen hat, der Frieden noch in weiter Ferne liegt, aber immerhin ist jetzt doch eine entscheidende Zäsur erreicht. Wie also steht es um die globale Entspannung? Wird man auf den Weg der Kennedyschen peace strategy zurückfinden?

Wer heute an die frühen sechziger Jahre zurückdenkt, dem wird erschreckend deutlich, wie unwiederbringlich vergangen Vergangenes ist. Wie weit zurück liegen die Zeiten der großen Beweger? Was ist geblieben von Johannes XXIII. und seinem reformerischen Geist, von Chruschtschow und seiner kühnen Entstalinisierung, und von Kennedy, dem es gelang das antikommunistische Trauma im Westen aufzulösen und die politische Weltbühne mit neuen Augen zu betrachten?

Jener 21. August – an dem sowjetische Panzer über die Grenze der ČSSR rollten, weil Moskau die Auswirkungen der Domino-Theorie innerhalb seines sozialistischen Imperiums fürchtete – hat gezeigt, daß die Sowjetunion sich nicht auf Entspannung verlassen will; daß sie Sicherheit nicht im Ausgleich sucht, sondern Verlaß allein in der Aufrechterhaltung der Teilung Europas sieht.

Zwar weiß auch der Kreml, daß ein vorsichtig eingeleiteter Entspannungsprozeß, der eines Tages zu paritätischer Herabstufung der Rüstungen und zur atomwaffenfreien Zone in Zentraleuropa führen könnte, eine notwendige Voraussetzung zum verläßlichen Frieden ist – dennoch muß er gerade diese Entwicklung fürchten. Denn im Klima der Entspannung entwickelt sich, wie wir gesehen haben, der böhmische Bazillus in geradezu epidemischer Weise. An die Stelle der militärischen Bedrohung von außen würde also für die Sowjetunion die mindestens ebenso gefährliche politische Bedrohung im Inneren treten.

Diese Zwickmühle, in der Moskau sich befindet, blockiert jede Entwicklung: Die Sowjets können nicht abrüsten und entspannen, weil dann die nationalen Selbständigkeitsbestrebungen in ihrem mühsam zusammengehaltenen Imperium überhand nehmen würden; sie können aber auch nicht hoffen, durch noch gigantischere Rüstung einen entscheidenden Vorteil zu erringen, weil die Vereinigten Staaten in der Lage sind, jedes Tempo mitzuhalten. Darum versuchen sie hier und da, etwa im Nahen Osten, Fuß zu fassen, also ihren Einfluß wirtschaftlich und durch Waffenlieferungen auszudehnen.