Wohin in Indien? Obwohl heute viele Touristen darin geübt sind, voran die Amerikaner, weite Territorien in no time zu durcheilen, werden selbst sie überlegen, ob ein paar Tage für dieses unvergleichliche, widerspruchsvolle, schwer faßbare Mammutland genügen, falls sie sich vorher ein wenig informieren und bedenken, daß dieses Land sich leichten Beschreibungen und Analysen entzieht. Viele Reisende zucken jedoch mit den Achseln und wählen eine der angebotenen eiligen Reisen nach Indien oder durch Indien, obwohl es von vornherein feststeht, daß sie weniger begreifen werden als auf der Fahrt durch England in ein und einem halben Tag oder durch Frankreich (in einem Tag oder zwei Nächten) oder vielleicht durch Deutschland in einem halben Tag.

In Wirklichkeit sind die Kurzaufenthalte in Indien auf Weltflugreisen oder Ostasienreisen (zwei Tage, eine Nacht Delhi, Agra) ein Nonsens, man sollte sie nicht mitmachen. Obwohl ich ein Verfechter meiner eigenen Worte bin, daß ein Tag in Bangkok (Japan, Hongkong) mehr Erlebnisse verspricht als ein Jahr in Klanxbüll, muß ich den unübersehbaren Subkontinent Indien samt Delhi, Bombay oder Kalkutta ausnehmen. Wer nicht wenigstens 14 Tage, aber möglichst drei Wochen Zeit hat, sollte den Aufenthalt in Indien streichen und über den Pol nach Japan fliegen oder über Taschkent nach Bangkok oder sonstwohin in andere, weniger spektakuläre, verwirrende Orte und Landstriche.

Übrigens kann man nicht nur auf der Südroute nach Indien fliegen, sondern mit Air. India auch über Moskau oder die Tschechoslowakei. Auf der Rückreise fand ich mich in früher Morgenstunde in dem neuen, eleganten Flughafengebäude von Prag wieder, hinter festen Zollschranken. Die warme Atmosphäre, das Frühstück an üppig gedeckten Tischen mit knusprigem Gebäck, der Duty-free shop mit westlichen Waren erinnerte an Wien, und nur die Verschlossenheit der Gesichter des Bedienungspersonals ließ erkennen, daß sie an einem Startort in die Freiheit sitzen, die ihnen verwehrt ist.

Fliegt man im Winter diese Route, so kann man den Wechsel extremer Temperaturen auskosten und wird sich über die große Hitze in Madras ebensowenig beklagen, wenn einem der Gesprächsstoff ausgeht, wie über die Kälte nach der Rückkehr in den Norden. Man wird in beiden Fällen froh darüber sein.

Der erste Besuch in Indien ist so bestürzend wie das erste scharfe Currygericht, selbst wenn man aus Hamburg, London oder Amsterdam kommt und an Curry gewöhnt ist, die sanftere, europäische Mischung allerdings.

Ist es schon bedauerlich, daß die meisten Indienreisen zu kurz sind und nur nach Zentralindien mit der Hauptstadt Delhi und die Städte Bombay oder Kalkutta führen, so ist es um so überraschender, daß die meisten verbilligten Pauschalflüge der Reiseunternehmen das Schema der Bildungsreisen wahren, obwohl Untersuchungen der Reisemotive angeblich ergeben haben, daß diese Studienreisen weniger und weniger gefragt sind. Als erste Informationsreise nach Indien ist eine dieser Pauschalreisen durchaus zu empfehlen, wenn man über Zeit und Geld nicht ausreichend verfügt.

Fehlt nur das Geld, so kann man in Indien billiger reisen und intimeren Kontakt mit dem indischen Leben finden, wenn man die (langsame) Eisenbahn oder Autobusse benutzt oder auf die bullook carts, die Ochsenwagen, steigt und in den vielen Rasthäusern wohnt. Manche von ihnen dienten als Etappenunterkunft der britischen Beamten, andere schon immer als Pilgerschlafstätten, einige hat die Regierung für Touristen neu errichtet, ebenso Jugendherbergen. Auch mit dem Auto kann man bequem durch Indien reisen, wenn man auf den großen Straßen bleibt, Motels sind neuerdings im Bau.

Theoretisch ist es für exzentrische Naturen auch möglich, Indien auf dem Elefantenrücken zu durchmessen; wer in diesem Winter in Srinagar oder Assam startet, wird vielleicht 1970 in Madras oder im Staat Kerala ankommen. Einen Elefanten zu kaufen, ist erschwinglich, aber es mag sein, daß er den Reisenden auf seinem Rücken auffressen wird, nicht wörtlich, aber durch die tägliche Futterration, die er verschlingt. Es wäre verlogen, dieses Vergnügen als ein Maharadschaerlebnis zu bezeichnen. Die meisten Maharadschas haben ihre Tiere abgeschafft, im Stadtpalast des Maharana von Udaipur steht nur noch eines dieser Mammuttiere, und von den vielen Elefanten, die noch kürzlich dem Maharadscha von Jaipur, der Hauptstadt des Wüstenstaates Radschasthan, auf Jagden und in Prozessionen dienten, sind nur noch ein paar vorhanden.