Von Hartwig Meyer

Nach dem Kriege legte die Japanerin den Kimono ab und zog sich Rock und Strümpfe an. Später ging sie zum Gesichtschirurgen und ließ ihre Mandelaugen in die europäische Waagerechte bringen. Schließlich kamen Spiesshofer und Braun aus München und boten ihr mit dem Mieder ein weiteres Attribut westlicher Frauenwelt an.

Die japanische Frau sieht, was Geschmack und Mode betrifft, konsequent nach Westen. Einen BH braucht sie nicht unbedingt. Soll er in Amerika einen weiblichen Mangel verdecken, so gilt er in Japan als Zeichen der Aufgeschlossenheit.

Der Japaner verhält sich nicht minder westlich orientiert. Eine Uhr aus der Schweiz, eine Leica und ein Mercedes aus Deutschland sind seine materiellen Wunschträume. Mann und Frau haben die Struktur des japanischen Verbrauchermarktes verändert und den westlichen Produzenten eine große Chance gegeben.

Japan hatte sich den Ruf erworben, überall dort unschlagbar zu sein, wo es um Serienprodukte geht, ob um Textilien, Kameras, Motorräder und später selbst um Autos oder Stahl. Nachdem es seinen erfahrenen Industrienachbarn über die Schulter gesehen und als Meister in der Fortentwicklung des Details die Gesetze der Massenproduktion begriffen hatte, erklomm es mit Riesenschritten die Leiter des wirtschaftlichen Aufstiegs und macht heute der Bundesrepublik als drittgrößter Industrienation in der Welt den Rang streitig. Seine Erfolge auf dem Weltmarkt waren so atemberaubend, daß die Vorstellung, dem Löwen in seiner eigenen Höhle, auf seinem heimischen Konsummarkt Konkurrenz zu machen, fast absurd erschien,

Daß diese Annahme falsch ist, haben drei deutsche Firmen bewiesen, die hier als Beispiel für andere stehen. Von 1962 bis heute riß die Braun AG in Frankfurt 9 Prozent des Marktes für Elektrorasierer an sich, obwohl die Japaner mächtig sind und ihren Landsleuten billige Stabrasierer bieten, die dem dünnen japanischen Bart vollauf genügen. Braun will in diesem Jahr rund 290 000 elektrische Rasierapparate in den Fernen Osten verschiffen und erhofft sich einen Marktanteil von 20 Prozent aller Netzrasierer, auf die sich Braun in erster Linie spezialisiert hat. Man rechnet damit, daß bis Ende dieses Jahres 3,2 Millionen Apparate in Japan verkauft werden.

Vorstandsmitglied und Rasiererchef Albrecht Schultz, ein abwägender Mann, hütet sich davor, das kleine Braun-Wunder in bunten Farben zu schildern. Offenbar aus beruflicher Vorsicht beurteilt er die Aussichten am japanischen Markt mit Zurückhaltung. Doch er fügt hinzu: „In absehbarer Zeit werden wir dort eine Produktion einrichten, um noch näher am Markt zu sein.“ Wer sich dazu entschließt, muß Vertrauen in sein Japangeschäft haben.