Musik gilt in Schweden als gesellschaftspolitische Kraft, und die Stimmen, die das betonen, scheinen sich Tag auf Tag zu mehren. Das hat nichts mit Parteipolitik zu tun; en bloc sind die schwedischen Parteifunktionäre gewiß nicht musischer veranlagt als Politiker in anderen Ländern, und es ist nicht übertrieben, sie allesamt als Opfer der unzureichenden Musikerziehung in den Schulen zu bedauern. Gleichwohl tun die schwedischen Sozialisten etwas für die Musik, nicht aus politischen Gründen oder weil sie von der Tonkunst politische Einwirkung auf das Volk im Sinne der Regierungspartei erhoffen, sondern weil die Interessenten – Musiker, Komponisten und Publikum – einen gewissen Druck ausüben: eine Öffentlichkeit, die an Musik interessiert ist, und eine Fachgenossenschaft, der es um ein gesichertes Einkommen der Musiker und Komponisten geht.

Dabei geht es weniger um die rund 22 Millionen Kronen Subvention für die Oper oder die fast fünf Millionen an Gehältern für musikalische Akademien und Musikhochschulen, die im gegenwärtigen Etat enthalten sind, nicht einmal um die vergleichsweise geringen Beträge von 2000 Kronen für das Schwedische Komitee des Internationalen Musikrats und von 8000 Kronen für den Schwedischen Reichsverband der Spielleute.

Zwei Posten vor allem erwecken Interesse. Der Etat weist unter anderem 271 000 Kronen als „Stipendien für Tonsetzer“ aus. Seit einigen Jahren zahlt der Staat allen Komponisten, die sich darum bewerben, ein Stipendium, das alle normalen Lebenshaltungskosten deckt, und die sind in Schweden nicht eben gering; jedenfalls können sich die so beschenkten Komponisten ohne materielle Sorgen ihrer Arbeit widmen. Sie brauchen nicht das zu tun, was man „Brotarbeit“ nennt. Vergebens fahndet der Betrachter, wo denn da der Haken liege.

Wer gilt als stipendienwürdig? Wer entscheidet über die Vergabe? Welche Gegenleistung wird verlangt? Wohin man sich auch mit Fragen wendet: dieses System scheint auf beunruhigende Weise perfekt. Wer sich für ein Stipendium interessiert, weist Partituren vor; ein Ausschuß von Fachleuten, Kollegen also, entscheidet, und seine Zusammensetzung gleicht den Effekt persönlicher Neigung oder Abneigung offenbar weitgehend aus. Es gibt keine Kontrolle, was der subventionierte Komponist nun tatsächlich leistet. Sein Recht, eine schöpferische Krise durchzumachen, bleibt unbeschnitten.

Freilich nehmen die meisten Komponisten die staatliche Besoldung keineswegs als Selbstverständlichkeit an. Sie fühlen sich mehr oder weniger verpflichtet, und das kann zu Gewissensskrupeln führen. Wer könnte sich mit Gleichmut als Parasit an der Gesellschaft einschätzen? Dieses Gefühl, irgendwie über die ordentliche Verwendung des Geldes Rechnung legen zu sollen, sorgt dafür, daß kaum jemand das Stipendiensystem ausbeutet und sich auf die faule Haut legt.

Aber selbst der Schmarotzer ist einkalkuliert. Erstaunt erfährt man die seelenruhig vorgetragene Meinung, wenn auf 99 Schmarotzer auch nur ein Genie fiele, das mit Hilfe des Stipendiums ein Meisterwerk schafft, dann lohnte es sich schon.

Andererseits gibt es so etwas wie einen fiskalischen Riegel; wer länger als zwei Jahre hintereinander das Stipendium bezieht, muß das Geld versteuern, und die Steuerlast in Schweden ist erklecklich. Daß die Praxis einer staatlichen Subvention der Komponisten positive Auswirkungen auf das Musikleben hat, läßt sich kaum bestreiten. Um den Sozialismus perfekt zu machen, streben die Musikervereinigungen bereits eine Art Aufführungsgarantie für neue Partituren an; damit hätten sie eine Sicherheit des Lebensstandards erreicht, die nicht mit einer Beschneidung der künstlerischen Freiheit einherginge. In der Tat existiert in Schweden keine Hymne auf die Partei, keine sozialistische Kantate...