Theater im Hafen – Autoren fahren aufs Land – Der zerstörte Mythos der Schweden

Von Thomas von Vegesack

Während einiger Wochen in diesem Herbst wurde das „Moderna Museet“ in Stockholm in einen Spielplatz für Kinder verwandelt. Inmitten von Bildern und Skulpturen wurden Rutschbahnen und Kletterstangen montiert. Ein Saal wurde in ein großes Bassin aus Schaumgummi verwandelt. In einem anderen durften die Kinder mit Farbe herumklecksen.

Die Ausstellung „Modellen“ kam gut an. Die Kinder fühlten sich großartig, und die Behörden fanden die Initiative so gut, daß man andere Museen ermunterte, diesem Beispiel zu folgen. „Modellen“ des Modernen Museums war charakteristisch für den Kulturherbst 1968, der sich mehr auf dem kulturpolitischen Gebiet auszeichnete als mit einzelnen künstlerischen Erfolgen.

Das schwedische Kulturleben befand sich lange in einer Krise. Die Bücherpreise sind ständig gestiegen und dürften heute die höchsten der Welt sein. Der Bücherverkauf ist in entsprechendem Maß zurückgegangen. Auch das Publikumsinteresse für Theater und Konzerte ist nicht länger zufriedenstellend. Dazu kommt, daß die Jugend in Schweden wie in anderen Ländern ein immer größeres Interesse für Politik zeigt und ein immer geringeres Interesse für Literatur.

Jetzt sind die Künstler zum Gegenangriff übergegangen. Ein Angriff, der sich vor allem gegen den etablierten Kulturbetrieb richtet, dessen Anstrengungen immer mehr als überholt empfunden werden.

Diese „Kulturrevolution“ hat sich am stärksten beim Theater ausgewirkt. Eine Reihe von Gesellschaften junger Schauspieler hat in diesem Herbst ihre Stücke mitten in der Stadt aufgeführt, in Vereinslokalen, auf Plätzen und auf Booten im Hafen Stockholms. Der Besuch der Vorstellungen war kostenlos; sie fanden während der Mittagspausen und nach Feierabend statt. Der Inhalt der Aufführungen war oft sehr linksradikal, und es existierten deutliche Kontakte zwischen diesen jungen Straßenakteuren und den Demonstranten, die auch dazu beigetragen haben, das Straßenbild zu dramatisieren.