Die Aktionäre der Kasseler Wintershall AG stehen vor einer schweren Entscheidung, Sollen sie das Angebot der Badischen Anilin- und Soda-Fabrik AG annehmen, zehn Wintershall-Aktien gegen neun BASF-Aktien einzutauschen? Am letzten Wochenende ergab sich folgende Relation: zehn Wintershall-Aktien repräsentieren einen Wert von 2280 Mark, neun BASF-Aktien dagegen nur 2205 Mark. Aufzurechnen wäre dagegen die Dividendengarantie der BASF, die den potentiellen neuen BASF-Aktionären 20 Prozent Dividende zusichert, also 180 Mark jährlich, gegen die 140 Mark, die den Wintershall-Aktionären bisher aus Kassel überwiesen vurden. Rein rechnerisch müßten also die Wintershall-Aktionäre knapp zwei Jahre warten, ehe sie über die höhere Dividende den entstandenen Kursverlust aufgeholt haben.

So kann es nicht verwundern, wenn jetzt von verschiedenen Seiten der Ratschlag erteilt wird, das Umtauschangebot vorerst nicht zu akzeptieren. Viele Börsendienste meinen, ein Umtausch-Angebot 1 : 1 wäre realistischer gewesen. Es darf aber mit Fug und Recht bezweifelt werden, ob sich die BASF zu einer nachträglichen Verbesserung ihrer Konditionen entschließen wird, es sei denn, sie kaufte über die Börse Wintershall-Aktien zu steigenden Kursen teuer ein.

Die Transaktion BASF–Wintershall ist der spektakulärste Konzentrationsvorgang in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Noch niemals hat ein Umsatzmilliardär – wie das Ludwigshafener Chemieunternehmen – einen anderen Umsatzmilliardär – 1967 setzte Wintershall 1,57 Milliarden Mark um – übernommen. Es ist zugleich eine der kompliziertesten Fusionen der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Gerade die Verästelungen der Konzernstruktur der Wintershall AG macht es dem einfachen Aktionäre so schwer, die Qualität des Umtauschangebots der BASF zu beurteilen. Die Hälfte des Wintershall-Kapitals liegt bei der Gewerkschaft Wintershall, deren Kuxe sich zu etwas mehr als 50 Prozent im Besitz der Gewerkschaft Thea befinden. Eine maßgebliche Beteiligung von Thea wiederum gehört zu dem Nachlaß des Wintershall-Gründers August Rosterg, der seinen Sohn Heinz zum Vorerben, die Wintershall AG zum Nacherben einsetzte. Die juristischen und stimmrechtlichen Probleme, die sich aus dieser Regelung ergaben, sind inzwischen durch einen Vergleich aus der Welt geschafft worden. Die Rosterg-Erben sind abgefunden worden.

Für die freien Aktionäre, die rund 50 Prozent der Winterhall-Aktien in ihrem Besitz haben, kann die Regelung in der Gruppe Rosterg-Erben, Gewerkschaften Thea und Wintershall sowie BASF keinen echten Anhaltspunkt für eine Beurteilung des Umtauschangebots abgeben. Hier sind Sondereinflüsse im Spiel, die mit der Situation eines „normalen“ Aktionärs nicht vergleichbar sind.

Für ihn muß vielmehr die Beurteilung der Zukunftsaussichten beider Unternehmen maßgeblich sein. Wintershall ist ein zweifellos gesundes Unternehmen, gut geführt und in den letzten Jahren auch erfolgreich. Auf der anderen Seite hat Vorstandsvorsitzender Josef Rust keinen Zweifel daran gelassen, daß Wintershall allein nicht stark genug sei, sowohl die Düngemittelinteressen in Kanada – dort wurden große und ergiebige Kalilager entdeckt – als auch die Ölinteressen auf internationaler Ebene zu finanzieren. Bekanntlich hat Wintershall Einbringungsrechte in das größte deutsche Tankstellennetz der Aral.

Für die BASF, den drittgrößten deutschen Chemiekonzern, geht es darum, sich eine ausreichende Rohstoffbasis für die zukunftsträchtige Petrochemie zu verschaffen. Wintershall ist mit 60 Prozent an der Erdölraffinerie Mannheim beteiligt, die bereits Ludwigshafen mit Ausgangsstoffen für die Petrochemie beliefert. Darüber hinaus hat die BASF auf dem Düngemittelsektor eine starke Stellung. Immerhin entfielen auf Düngemittel und andere Produkte für die Landwirtschaft mehr als 20 Prozent des letztjährigen Gruppenumsatzes der BASF von 5,04 Milliarden Mark. Zusammen mit dem Düngemittelgeschäft der Wintershall, das sich ebenfalls in der Größenordnung von 700 Millionen Mark bewegt, nimmt die BASF künftigeinen Spitzenplatz auf diesem Gebiet ein, zumal die Rechte der Wintershall in Kanada für ein finanzstarkes Unternehmen auf der Habenseite zu verbuchen sind.