Paris, im November

Das Kommuniqué, das nach dem Besuch der französischen Kommunisten in Moskau veröffentlicht wurde, ist vielfach als eine halbe Kapitulation Waldeck Rochets interpretiert worden. Es zählt den Streitpunkt, der diese „freimütige Aussprache“ nötig gemacht hatte, nämlich die Entwicklung in Prag, kaum mehr als beiläufig unter anderen internationalen Fragen auf. Gewiß ist von den „beiderseitigen Standpunkten“ die Rede. Aber das ist auch der einzige Hinweis auf Meinungsverschiedenheiten.

Zwei Wochen zuvor hatte die Kommunistische Partei Frankreichs noch unverblümt festgestellt: „Man kann schwer glauben, daß sich die Tschechoslowakei kurz vor einem militärischen Angriff Bonns befand, auch wenn die Gefahr, die von den revanchistischen Ansprüchen ausgeht, nicht unterschätzt werden soll.“ Diesmal aber war von der wachsenden Gefahr des deutschen Revanchismus viel mehr die Rede als von der ganzen tschechischen Krise. Der erste Augenschein sprach also dafür, daß die KPF nun wieder diszipliniert auf der Moskauer Linie marschiert.

Aber schon am Abend nach der Rückkehr aus Moskau, während einer Gedenkfeier für die Oktoberrevolution, wiederholte die französische KP-Führung die Ansichten, die sie von den Sowjets trennen: „Wir haben die militärische Intervention in der Tschechoslowakei mißbilligt“, sagte Waldeck Rochet. Und weiter: „Wir werden ohne Zweifel in Frankreich andere Wege einschlagen als die russischen Kommunisten; aber es sind die Pioniere der Oktoberrevolution, denen wir es verdanken werden, wenn wir den Sozialismus unter neuen Bedingungen und in originellen Formen verwirklichen.“ Auch in anderen Formulierungen wurde der Anspruch auf den „eigenen Weg zum Sozialismus“ verteidigt.

Der zweite Redner der Kundgebung, auch er Mitglied des Politbüros, wurde noch deutlicher: „Im Gegensatz zu unseren Genossen in den fünf sozialistischen Ländern sind wir zu der Auffassung gekommen, daß es in der Tschechoslowakei genügend Kräfte gab, um eine reaktionäre Entwicklung zu verhindern und um die Schwierigkeiten zu überwinden, die übrigens alle ihren Ursprung in den Fehlern hatten, die vor dem Januar 1968 gemacht worden sind.“ Dann war von den „negativen Auswirkungen“ der tschechischen Ereignisse auf die kommunistische Bewegung in der Welt die Rede. Und schließlich wurde versichert, es sei „unmöglich vorauszusagen, in welchen Formen der Sozialismus in Frankreich verwirklicht werden wird ... je weiter er sich ausbreitet, um so mehr werden sich die Bedingungen, in denen er Gestalt gewinnt, unterscheiden“.

Zwischen dem Moskauer Kommuniqué und seiner französischen Interpretation gibt es also Unterschiede in Ton und Inhalt. Man kann sie verschieden deuten: vielleicht war das Kommuniqué mehr für den sowjetischen Hausgebrauch gedacht, und die französische KP-Führung hatte die Erlaubnis, es für ihre Zwecke zu paraphrasieren. Vielleicht laviert aber auch Waldeck Rochet zwischen Moskau und seiner Partei hin und her. Daß er gegenüber Breschnjew der Schwächere sein würde, war klar. Da er die Nabelschnur auf keinen Fall abreißen lassen wollte, setzte er sich jeder Erpressung aus. Niemand hat auch je in ihm einen Togliatti oder einen Maurice Thorez gesehen. Er formt nicht die Partei; er muß auf das Rücksicht nehmen, was sich in ihr formt. Darum ist die Sprache, mit der er das Moskauer Kommuniqué interpretierte, um es akzeptabel zu machen, so aufschlußreich.

Sie wird noch aufschlußreicher durch das, was man sich in KP-Kreisen über die Moskau-Reise erzählt: Der Generalsekretär ließ vor der Abfahrt auf die Plakate, die zur Erinnerungsfeier an die Oktoberrevolution aufriefen, die Worte setzen „unter Leitung von Waldeck Rochet“, weil er angeblich fürchtete, daß man ihn zur Gedenkparade im Kreml zurückhalten könnte und er dann auf einem Photo in der Humanité zu sehen wäre, wie er jene Armee grüßt, die ungerufen in Prag einmarschiert war. Es heißt auch, daß Moskau vor der Reise den Wunsch mitteilen ließ, Waldeck Rochet möge sich anschließend bei den italienischen und belgischen Kommunisten zum Interpreten der Moskauer Ansichten machen, und daß er das verhindern konnte. Und schließlich weiß man, daß ihn angesichts der innenpolitischen Szenerie und des sowjetischen Drucks die Sorge beschleicht, seine bisherigen Volksfrontpartner, Guy Mollet vor allem, könnten ihn „fallenlassen“. Er würde sich dann der Stalinisten im eigenen Hause nur schwer noch erwehren und das mühsam gefundene Gleichgewicht in der Partei nicht länger halten können.