London, im November

Briten müssen das Privileg, ein Chalet im Berner Oberland oder eine maurirische Villa an Spaniens Küsten kaufen zu können, mit Devisenprämien von nicht weniger als 35 Prozent bezahlen. Wer umgekehrt als Schweizer Portugiese oder Deutscher ein Haus in England anschaffen will, der fährt seit dir 15prozentigen Pfundabwertung – vom letztjährigen November um so billiger. Dennoch, kann Britannien – vor allem klimatisch – immer noch nicht mit den Ferienparadiesen unter südlicher Sonne konkurrieren.

Nach England zieht man nicht, weil man des Regens überdrüssig ist, einem konfiskatorischen Fiskus zu entrinnen sucht oder vom Charakter und Reiz bestimmten Landschaften unwiderstehlich angezogen wird. Obschon London auf Menschen aus der kontinentaleuropäischen Provinz eine starke Faszination ausübt, verlegten Ausländer ihren Wohnsitz nach Britannien bisher vorwiegend aus beruflichen Gründen.

Erst allmählich kommen auch Bürger der Bundesrepublik auf die Idee, vom Ferienglück in einer strohgedeckten Cottage in Berkshire oder Sussex zu träumen. Pure Wochenendausflüge kommen jedoch schon wegen des umständlichen und vergleichsweise beschwerlichen Anmarsches kaum in Frage. Gleiches gilt von Fischgewässern in Wales und von Hochmoorjagden in Schottland, die alljährlich eine Vielzahl einschlägig versierter ausländischer „Sportfreunde“ anlocken, sogar aus den USA. Wer jedoch als international disponierender Spekulant im Grundstückserwerb vornehmlich die Chance leichten Geldverdienens sucht, dem bietet Englands Immobilienmarkt zur Zeit ein durchaus interessantes Betätigungsfeld. Britische Immobilienwerte sind über die letzten Jahre hinweg, nach vorausgegangenem kräftigen Boom, derart vernachlässigt worden, daß ein neuer flotter Preisaufschwung längst überfällig ist.

Längerfristige Investoren sollten laut Mister Oakfield – Seniorpartner von Knight, Frank & Rutley und Doyen unter Englands Grundstücksmaklern – die sichere und zügige Kapitalaufwertung eher im Erwerb landwirtschaftlicher Liegenschaften in unmittelbarer Nachbarschaft von Provinzstädten oder entlang Londons großen Ausfallstraßen suchen. Sie sind meist billiger als vergleichbare Objekte auf dem nahen Kontinent. Dabei verteuerte sich Farmland in den vergangenen zehn Jahren selbst in England um immerhin 150 Prozent.

Hausgrundstücke zogen im Preis noch weitaus flotter an, nämlich um rund 200 Prozent. Was verkehrsgünstig innerhalb von 50 Kilometern rund um London liegt, muß zudem mit gewichtigen Prämien bezahlt werden. Überhaupt wird der englische Südosten stark von der Metropole und ihrer Bedarfskonzentration überschattet. Objekte außerhalb des Einzugsbereiches größerer Städte und überall dort, wo der Zugang zum gesellschaftlichen und kulturellen Leben eher mühsam und beschwerlich bleibt, kosten meist weitaus weniger. Schottland und Wales sind reich an großartigen Landschaften. Aber man muß schon recht wetterhart, genügsam und autark sein, um in ihrer Abgeschiedenheit und Einsamkeit heimisch zu werden, zumal als Fremder.

Zur Zeit steht – ein Kuriosum am Grundstücksmarkt – in der ostenglischen Landschaft Essex ein ganzes Dorf zum Pauschalpreis von rund 9 Millionen Mark zum Verkauf. Das Dorf besteht aus 470 Wohnhäusern, einer Schule, einer Gemeindehalle, zwei Gaststätten und drei Kirchen. Es war ein „Werksdorf“. Die Firma machte Konkurs. Nun wird es an den Meistbietenden verkauft.