Von Richard Alewyn

Das Lesen von Detektivromanen gehört zu den Dingen, die man zwar gern tut, von denen man aber nicht gern spricht. Man kann seinen Ruf kaum wirksamer gefährden, als indem man sich ernsthaft damit befaßt, zum mindesten in deutschen Landen. Anstößig ist seine Popularität, und für anstößig gilt sein Thema.

In der Tat, über seine Verbreitung hören wir phantastische Zahlen. Von mehr als einem Autor hören wir, daß von seinen Romanen Hunderte von Millionen Exemplare im Umlauf sind. Was kann an einer so erfolgreichen Gattung Gutes sein? So fragt mancher Freund gepflegter Lektüre.

Nun, auch ohne ihn durch die Behauptung aufzureizen, daß es immerhin an die hundert Detektivromane geben dürfte, die besser geschrieben sind als das meiste, was heute in Deutschland als seriöse Literatur diskutiert wird, wäre zu fragen, ob eine Krankheit etwa dadurch weniger interessant wird, daß sie epidemisch auftritt. Und ist ihre Erforschung etwa weniger dringlich, weil diese Epidemie eine durchaus moderne Erscheinung ist? Sage mir, was du liest, und ich sage dii, wer du bist. Könnte also eine Befragung des Detektivromans nicht Auskünfte ergeben über das, was uns schließlich mehr als irgend etwas anderes angeht, nämlich die Verfassung des modernen Menschen?

Aber dazu müßte man erst einmal wissen, was ein Detektivroman ist, und damit gelangen wir zu dem anderen Vorurteil. Nach dem Gegenstand des Detektivromans befragt, werden neun von zehn Personen antworten: Mord. Und damit bekommen wir es mit einer bedauerlichen Verwechslung zu tun, die sich auch in den aufgeklärteren Teil der öffentlichen Meinung eingeschlichen hat, die Verwechslung mit dem Kriminalroman (Koseform „Krimi“), unter dessen verwaschenem Etikett sich ebensogut ein Gangster- oder ein Agentenroman verstecken kann. Es ist fraglich, ob es noch möglich sein wird, diese leidige Verwechslung auszurotten, aber die Unterscheidung ist unerläßlich, um einer der ingeniösesten und lehrreichsten Erfindungen der neueren Literatur auf die Sprünge zu kommen.

Der Unterschied ist nicht eine Frage des Niveaus. Es gibt auch schlechte Detektivromane – wenn auch kaum so geist- und seelenlose, wie es Kriminalromane gibt – und es gibt gewiß Kriminalromane höchsten Ranges wie Dostojewskijs „Schuld und Sühne“ oder William Faulkners „Knight’s Gambit“. Und es wären ihrer noch viele zu nennen, wenn man nicht sehr bald auf die Schwierigkeit stieße, daß der Kriminalroman sich überhaupt nicht abgrenzen läßt. Denn welches epische Werk der Weltliteratur bis an die Schwelle der modernen Zeit käme ohne heldische oder schurkische Bluttaten aus? Der Kriminalroman hat überhaupt keine definierbare Grenze – außer gegenüber dem Detektivroman. Und so nebelhaft die Konturen des Kriminalromans, so scharf sind die des Detektivromans. Das ist nicht eine Sache des Stoffs, sondern der Form.

Zwar ist der Detektivroman an ein Motiv gebunden, und daß er das mit vielen Kriminalromanen gemeinsam hat, hat der beklagenswerten Verwechslung Vorschub geleistet. Er hat es nämlich immer – noch viel ausschließlicher als der Kriminalroman – mit einem Mord zu tun Es ist dieses eherne und seinen Verfassern oft unbehagliche Gesetz, das ihm in der öffentlichen Meinung sehr geschadet und dazu verführt hat. ihn mit dem Kriminalroman in einen Topf zu werfen. Aber gerade an diesem Punkt, an dem die beiden sich berühren, entfernen sie sich am weitesten voneinander.