Von Heinz Josef Herbort

Eine halbe Stunde vor Beginn der Uraufführung des Oratorio vulgare e militare „Das Floß der Medusa“ von Hans Werner Henze zitierte der Textdichter Ernst Schnabel im Norddeutschen Rundfunk den Satz: „Wir werden gezwungen sein, grausame Wahrheiten ans Licht zu bringen, aber sie können nur diejenigen treffen, deren Unfähigkeit und Feigheiten die Schrecknisse herbeiführten, und wir würden uns an uns selbst sowie an unseren Mitbürgern verschuldigen, ließen wir Dinge im dunkeln, die nach dem Licht des Tages schreien.“ Vierzig Minuten später wurde Ernst Schnabel gewaltsam von der Polizei aus der Konzerthalle „verbracht“ und landete auf dem Polizeipräsidium.

Dem voraufgegangen war folgendes: Gegen acht Uhr, dem Übertragungsbeginn, befestigen junge Leute am Podium Transparente und Plakate, die unter anderem fordern: „Enteignet die Kulturindustrie.“ Die Plakate werden von Technikern des NDR entfernt. Die jungen Leute stellen an der Dirigentenbühne ein Bild Che Guevaras auf – die uraufzuführende Komposition ist Che Guevara gewidmet. Die SDS-Projektgruppe „Kultur und Revolution“ und der AStA der Hochschule für Musik Berlin verteilen Flugblätter „In Sachen Henze“, auf denen es heißt: „Das Konzert sollte vor Arbeitern stattfinden, jetzt ist die Bourgeoisie zu Gast. Die Sachwalter der Klassenkultur haben zu verhindern gewußt, daß die Kunst ihr Ziel erreicht. Das Konzert wird aufs neue für die Festigung des herrschenden Systems sorgen.“

Der Programmdirektor des NDR, Franz Reinholz, zerreißt das Che-Guevara-Bild. Die jungen Leute bringen neben dem Dirigentenpodium eine rote und eine schwarze Fahne an. Aus den bereits auf dem Podium versammelten Chören des NDR und des RIAS Berlin kommen Sprechchöre: „Wir kommen aus Berlin“, „Rote Fahne weg“ und „Wir sind Künstler und keine Politiker“. Tumult.

Der Dirigent Henze benützt das Saalmikrophon: „Ich bitte jetzt, uns das Konzert machen zu lassen.“ Mitglieder des Chores: „Ohne rote Fahne.“ Henze: „Ich bestehe darauf, daß die Fahne bleibt.“ Der stellvertretende Intendant des NDR Ludwig von Hammerstein fordert durch das Mikrophon: „Hinsetzen, wer sich nicht hinsetzt, will, daß das Konzert nicht stattfindet.“ Der Chor verläßt nach und nach das Podium. Der Tumult in der Halle hält an. Der stellvertretende Intendant entfernt Fahne und Plakate, sie werden ihm entwunden. Nach der dritten Aufforderung an das Publikum, sich zu setzen, ruft Programmdirektor Reinholz die Polizei zu Hilfe.

Der Sprecher des Mittelwellenprogramms: „Einige kleine Auseinandersetzungen zwischen jugendlichem Publikum und einigen älteren Herrschaften, die hier stattfinden ... Die Musiker weigern sich zu musizieren, solange auf dem Podium eine rote Fahne liegt... Die Störung muß dafür verantwortlich gemacht werden, daß wir die Übertragung abbrechen.“

Die Polizei nimmt Demonstranten und Männer fest, die sich vor die jungen Leute stellen, sechs Studenten und den Textdichter Ernst Schnabel. Hans Werner Henze durch das Saalmikrophon: „Die Polizei verhindert die Diskussion, ich distanziere mich von den Brutalitäten.“ Der stellvertretende Intendant erklärt die Veranstaltung für beendet. Die Demonstranten und Hans Werner Henze beginnen den Ho-Tschi-Minh-Rhythmus zu klatschen. Das Publikum will mit dem Komponisten diskutieren. Henze verläßt die Halle durch einen rückwärtigen Ausgang.

Um 20.22 Uhr fährt der Norddeutsche Rundfunk statt der Originalübertragung das Tonband der Generalprobe ab.