Antwort an Sacharow

Im August des vergangenen Jahres haben wir die Gedanken des siebenundvierzigjährigen sowjetischen Atomforschers A. D. Sacharow veröffentlicht, weil wir sein Memorandum für das aufregendste Dokument hielten, das seit dem Beginn der Entstalinisierung, also seit Chruschtschows epochaler Rede auf dem XX. Parteikongreß, aus der Sowjetunion in den Westen gelangt ist.

Zum erstenmal nämlich vernahm man eine sowjetische Stimme, die die Welt nicht in gute Kommunisten und böse Kapitalisten einteilt, sondern die sie so darstellt, wie sie ist, als eine Bühne, auf der alle Akteure Zeichen von moralischer Anfälligkeit, politischer Unzulänglichkeit und dennoch zuweilen auch menschlicher Größe aufweisen: Die Amerikaner haben seiner Meinung nach ihr Maß an Schuld am Vietnamkrieg, die Russen an der Situation im Nahen Osten. Sacharow glaubt, daß die großen Aufgaben dieser Generation und der folgenden unmöglich im Gegeneinander, sondern nur im Miteinander bewältigt werden können. Darum, so meint er, müßten die Supermächte sich auf einen Katalog gemeinsamer Grundinteressen einigen.

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Seine Gedanken haben inzwischen viele Menschen bewegt, und einige von ihnen fanden, man dürfe seine Worte nicht ohne Resonanz verklingen lassen. Wir haben darum fünf Persönlichkeiten aus verschiedenen Ländern gebeten, zum Sacharow-Memorandum Stellung zu nehmen. Heute beginnt Jean Laloy, seit Jahren einer der wichtigsten Sowjetspezialisten in Frankreich, der am Institut des Etudes politiques in Paris arbeitet; es folgen dann Pietro Quaroni, der zwischen 1925 und 1945 mehrfach jahrelang bei der italienischen Botschaft in Moskau war – zuletzt als Botschafter – und der heute Präsident des italienischen Rundfunks und Fernsehens ist; Sir William Hayter, von 1953–57 englischer Botschafter in Moskau, heute Warden von New College in Oxford; ferner Louis Fischer von der Universität Princeton, USA, der 14 Jahre unter Lenin und Stalin in Rußland lebte und der soeben ein umfangreiches Werk über die sowjetische Außenpolitik von 1917–1941 vollendete; und schließlich Heinrich Böll, der meistgelesene Nachkriegsautor deutscher Zunge in der Sowjetunion. Seine Werke haben dort eine Auflage von zwei Millionen erreicht. Dff

 
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