In recht schulmeisterlicher Weise hat Günter Grass in einer Rede, die die ZEIT abdruckte (zur Verleihung des Ossietzky-Preises – die Red.), festgestellt, es habe kein „Anlaß bestanden, Beate Klarsfeld Rosen zu schicken“. Nun, mir erscheint diese Feststellung ziemlich anmaßend, peinlich und, da öffentlich getan, ganz und gar fehl am Platze. Ich frage mich mit der mir zustehenden Bescheidenheit, ob es Günter Grass zusteht, festzustellen, ob und wann ich Anlaß habe, einer Dame Blumen zu schicken. Ich hatte Anlaß und bin bereit, den Anlaß allen Schulmeistern unter meinen Kollegen öffentlich kundzutun. Ich war diese Blumen Beate Klarsfeld schuldig:

A 1. als konsequente Fortsetzung meines bisherigen schriftstellerischen Tuns, mag’s so belanglos oder belangvoll sein, wie es eben sein mag und wie die Schulmeister feststellen mögen;

2. weil ich’s mir selbst schuldig war, als Person, als einer, der soeben 3 × 17 alt geworden ist und der 15 Jahre und einen Monat alt war, als der bürgerliche Politiker von Papen Hitler zur Macht verhalf;

3. meiner Mutter wegen, in Erinnerung an sie, die im November 1944 während eines Tieffliegerangriffs starb; sie vereinte Eigenschaften in sich, die selten vereint sind! Intelligenz, Naivität, Temperament, Instinkt und Witz, und sie bestärkte mich darin, die verfluchten Nazis zu hassen, ganz besonders jene von der Sorte, zu der Herr Dr. Kiesinger zählt: die gepflegten bürgerlichen Nazis, die sich weder die Finger noch die Weste beschmutzten und die nun nach 1945 weiterhin schamlos durch die Lande ziehen, die sogar vom Zentralkomitee deutscher Katholiken eingeladen werden, Reden zu halten.

4. meiner „Generation“ wegen: den Toten und den Überlebenden, unter den Überlebenden denen, die es sich nicht leisten können, Frau Klarsfeld via „flower power“ ihre Sympathie auszudrücken, weil sie sonst ihre Posten als Volksschullehrer, Studienräte, Fernsehredakteure, Verlagsdirektoren verlören. Ich kann’s mir leisten und leiste es mir, spiele den „Freiheitsbock“ für viele, von denen ich weiß, daß ihre Freiheit nicht so weit geht wie meine.

B 1. Weil – siehe die Rede von Günter Grass – unsere, der gesamten kritischen Schriftsteller Kritik an Dr. Kiesinger immer noch positiv, für die Bundesrepublik zu Buche schlägt: Wir spielen die lächerliche Rolle des „Gewissens der Bundesrepublik“, sind im Ausland vorzeigbar, wo man gleichzeitig über die Neonazis in der BRD herziehen kann, während die resp. Regierungschefs der entsprechenden Länder mit Dr. Kiesinger frühstücken. Wie immer und mit welchem Kaliber wir Kiesinger angreifen: es passiert uns nichts, weil wir die „prominenten“ Vorzeigeidioten der BRD sind. Mag sein, daß uns irgendwo heimlich einer ins Kerbholz gehauen wird und eines Tages in der Ära Strauß – wiederum mit Willy Brandt als Vizekanzler – die Rechnung präsentiert wird;

2. weil aus der denunziatorischen Mottenkiste der bürgerlichen Primitivpsychologie sofort jenes Wort heraussprang, dessen sich leider auch Günter Grass bedient: das Wort „hysterisch“.