Balance-Akt am Abgrund

Doppelbedrohung für die ČSSR: das Autbegehren des Volkes und der Zorn der Sowjets

Von Marion Gräfin Dönhoff

Reicht der Spielraum, der der Regierung Svoboda–Dubček geblieben ist, um die Bürger weiter bei der Stange zu halten und beim eigenen Volk nicht allen Kredit zu verlieren? Und weiter: Bis zu welcher Grenze sind die Russen bereit, Protest und Widerstand hinzunehmen und sich damit abzufinden, daß sie ihren Willen immer nur teilweise durchsetzen können? Das sind die beiden Fragen, von denen das Schicksal der Tschechoslowakei abhängt.

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Die Emotionen der Bevölkerung und die Geduld der Russen – beide gleichermaßen unberechenbar – sind also die Haltepunkte, zwischen denen die ČSSR derzeit schwebt. Die leiseste Bewegung kann diese zerbrechliche Konstruktion zum Einsturz bringen. In der Tat hat man das Gefühl, daß die anderen Mitglieder des östlichen Lagers – die ja auch alle ihre Probleme haben: Generationsprobleme, Nationalitätsprobleme, Unabhängigkeitswünsche und Wirtschaftssorgen – den Atem anhalten und sich ganz vorsichtig bewegen wie in einem Lawinengebiet.

Beide Seiten wissen, daß sie darauf angewiesen sind, Kompromisse zu schließen. Zwar hätten die Sowjets sicherlich die Macht, kurzen Prozeß zu machen. Aber was dann? Was käme danach? Es gibt für sie nur drei Modelle:

a) Weiter mit Hilfe der Reformer die Moskauer Politik – einen Teil dieser Politik – exekutieren zu lassen;

b) die Reformer zu stürzen und an ihre Stelle Kollaborateure zu setzen, die freilich erst noch gefunden werden müßten;

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