Das auslösende Motiv für Gerstenmaiers Aktivität in Sachen Wiedergutmachung war nicht Geldgier (was nicht hinderte, daß seine Anwälte später auf Zahlung drängten). Auch die Anerkennung als Widerstandskämpfer war nicht der einzige Grund; sie hätte sich auch anders erreichen lassen. Das Unrecht, das ihm in der NS-Zeit widerfahren war, verdichtete sich ihm in einem einzigen Gedanken: die verhinderte Professur. Dies muß eine fixe Idee für ihn geworden sein. Nach Gerstenmaiers Rede vor der Fraktion berichtete ein Abgeordneter kopfschüttelnd: „Jetzt haben wir ihn zum zweiten Mann im Staat gemacht, aber das ist nichts. Er will Professor werden.“ Dieser Wunsch war nur zu erfüllen, wenn Gerstenmaier Wiedergutmachung nach dem Gesetz für den öffentlichen Dienst verlangte. Gerstenmaier hat für seinen akademischen Ehrgeiz in politischer Münze bezahlen müssen.

Sicher haben sich auch schon andere Politiker ähnliche Stilmängel zuschulden kommen lassen und sind doch nicht darüber gestürzt. Mangelnder politischer Stil war auch nicht die Ursache für den Sturz Gerstenmaiers, allenfalls die Begründung. In Wirklichkeit ist der Präsident gestürzt worden, weil er Urheber und Opfer eines politischen Skandals wurde.

Skandale haben typische Abläufe. Sie entstehen durch eine Nachricht, die ohne Kommentar, allein durch die Verbreitung Empörung auslöst. Daß der Bundestagspräsident 281 000 Mark als Wiedergutmachungszahlung erhalten hat, war eine solche Nachricht. Sie rührte an die tiefsten Ressentiments gegen das Establishment, bestätigte die geläufigen Vorurteile: die an der Krippe sitzen... und die Summe war so schön rund – nicht so wenig, daß man darüber hinweggehen konnte, nicht so viel, daß sie das Vorstellungsvermögen überstieg, gerade griffig.: ein halber Lottogewinn. Die Verknüpfung mit der Wiedergutmachung machte das Thema vollends explosiv. Die Wiedergutmachungsgesetze sind nie populär gewesen; was an Praktiken davon bekannt wurde, weckte Argwohn, Ressentiments. Die Nachricht über die Wiedergutmachungszahlung an Gerstenmaier löste typische Reaktionen aus: den Zweifel, ob er wirklich so mutig widerstanden hatte, den Zweifel, ob man für Nöte, die man sich durch politische Gesinnung zugezogen habe, auch noch materiell entschädigt werden dürfe. Um in der politischen Gesellschaft wirklich als Widerstandskämpfer anerkannt zu werden, empfiehlt es sich, tot zu sein.

Gerstenmaier erfüllte noch mehr Voraussetzungen, um ideales Objekt für einen Skandal zu werden. Er hatte immer strengen Dienst am Staat gefordert; es scheint ein Urtrieb der Menschen zu sein, solche Leute als Heuchler zu „entlarven“. Er hatte bei anderen Gelegenheiten gezeigt, daß er den Wert des Geldes zu schätzen wußte; deshalb hatte er es schwer, in diesem Fall sein Desinteresse glaubhaft zu machen. Und vor allem: Er hatte keine Freunde. Ohne ihre Hilfe ist ein Skandal unmöglich durchzustehen. Vor der Fraktion gebrauchte Gerstenmaier das Bild, er komme sich vor wie einer, der gegen einen Sturm anschreien müsse, aber er zweifle, ob er noch gehört werde. Die CDU hatte beschlossen, ein Opfer zu bringen, um die Empörung wieder zu besänftigen.

Gerstenmaier wurde plötzlich als eine Bedrohung für die eigene Partei, als Gefährdung des Regierungssystems empfunden. Hinterbänkler der CDU begannen mit belegter Stimme vom nicht wieder gutzumachenden Schaden für die Demokratie zu sprechen, einige Abgeordnete fragten besorgt, wieviel Prozent die Partei wegen Gerstenmaier einbüße, andere seufzten: Hoffentlich kommt nicht noch mehr ans Tageslicht. Die Parteiführung aber überlegte: Wie kann Gerstenmaier möglichst schnell und mit möglichst geringem Schaden aus dem Verkehr gezogen werden?

Der Fall Gerstenmaier wurde jetzt in erster Linie unter dem Aspekt der Parteiräson und der Staatsräson betrachtet. Eine grausame Betrachtungsweise – da zählt nicht mehr individuelle Schuld, nicht mehr persönliches Verdienst, nur noch die Wirkung. Gerstenmaier kämpfte wie ein Verzweifelter gegen diese Beurteilung. Er dachte an seine Ehre; die Fraktionsvorsitzenden dachten an das Anwachsen der NPD-Stimmen und an die Wirkung im Ausland. Gerstenmaier trat nicht aus eigener Uberzeugung zurück; er wurde mit sanfter, aber unerbittlicher Gewalt aus seinem Amt gedrängt.

Skandalopfer werden nicht nach Verdienst behandelt, die Härte der Buße richtet sich nicht nach der Schwere der Verfehlung, sondern nach der erstrebten politischen Reinigungswirkung. An ihnen darf das Volk die Urgewalt seiner moralischen Macht erleben und wird, eben durch dies Opfer, mit dem System wieder versöhnt. Insofern ist der Skandal nur die Extremform staatsbürgerlicher Einflußnahme auf die Politik – eine eruptive Selbstreinigung, von Zeit zu Zeit notwendig und für das System äußerst heilsam: Der Sturz des einen wirkt als Warnsignal für alle anderen.