Parteichef Gomulka balanciert zwischen den Extremen

Von Hansjakob Stehle

Lieber Herr Ionesco, Sie halten sich für den König des absurden Theaters? Bei uns wären Sie nicht einmal Page, denn was Sie sich mit Mühe ausdenken, findet man bei uns auf der Straße!“ So witzelte – unangefochten – von Mai bis Dezember 1968, in einer der kritischsten Perioden polnischer Nachkriegsgeschichte, das Studentische Satirische Theater in Warschau.

Es war die Zeit, als an den Grundfesten der (allzu) „kleinen Stabilisierung“ des letzten Gomulkajahrzehnts gerüttelt und ein Machtkampf begonnen wurde, der sich in vielerlei Masken darbot: anti-zionistisch, anti-liberal, anti-stalinistisch, technokratisch und patriotisch. Für die meisten Polen war es ein politisch verworrenes Jahr, das sie – trotz des scheinbar klärenden Gewitters vom 21. August – ebenso ratlos ließ wie ihre Umwelt.

Jetzt aber, drei Monate nach dem V. Parteitag, von dem viele noch im Sommer eine „große Wende“ erhofft oder befürchtet hatten, erweckt die polnische Partei den Anschein, als hätte jenes Jahr gar nicht stattgefunden. Gomulkas erste große Rede seit dem Kongreß hätte genauso zehn Jahre vorher gehalten werden können; er sprach am 28. Januar in Kattowitz stundenlang ausschließlich über wirtschaftliche Fragen – und selbst für diese verordnete er „keine Universalrezepte“. Man müsse neue Lösungen suchen, aber man könne dies auf verschiedene Weise tun, sagte er.

Der Rückzug der Jungtürken

Die vorsichtige Wiederaufnahme der seit Jahren stagnierenden Wirtschaftsreformen ist der Punkt, an dem sich der Parteichef mit den Technokraten um den oberschlesischen Parteisekretär Gierek vorläufig ohne allzu große Begeisterung, geeinigt hat. Auch die „Jungtürken“ des Generals Moczar, deren Vormarsch seit dem 21. August scharf abgebremst wurde, mußten wohl oder übel auf diese pragmatische Linie einschwenken.