Gesellschaft und Sexualität entsprechen sich: Wer den Genuß verketzert, erzieht auch zu politischer Unmündigkeit

/ Von Helmut Kentier

Der Psychologe Helmut Kentler leitet am Pädagogischen Zentrum in Berlin die Abteilung Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung. Sein Name würde bekannt, als der Berliner Innensenator ihn für drei Monate als psychologischen Berater für die Polizei bemühte; vorausgegangen waren die Tumulte beim Besuch des Schahs, deren Opfer Benno Ohnesorg wurde.

Ein Blitz aus dem Olymp der Kultusministerien hat die Lehrerschaft getroffen: Sexualerziehung ist nicht mehr tabu in den Schulen. Soll auch die Sexualität nun nicht mehr tabuiert werden? Ein Blick in Rahmenpläne und Richtlinien genügt, um diese Frage mit einem klaren Nein zu beantworten. Die staatlich verordnete Sexualerziehung soll nicht die Sexualität fördern, sondern vielmehr die Sexualtabus schützen, die manche schon für entmachtet hielten, die tatsächlich aber immer noch als hartnäckig festsitzende Vorurteile weiterwirken und eine Erziehung verhindern, der es um Kultivierung der Sexualität, um das Lernen von gelungener Befriedigung, Genuß, Liebe geht.

Es genügt augenscheinlich nicht mehr, die Tabus nur durch Gesetze zu sichern. Durch widersprechende Gesellschaftsverhältnisse und durch Aufklärung, durch Befreiung der Menschen aus Abhängigkeit von Natur und Gesellschaft geraten sie in die Gefahr, ihre Allmacht zu verlieren und auf das Niveau von Vorurteilen herunterzukommen. Die Erziehung – schon immer gehorsamer Diener für den Status quo der Gesellschaftsverhältnisse – muß nun mobilisiert werden, um die Sexualtabus vor dem völligen Zerfall zu bewahren.

Gerade die Sexualerziehung ist dafür besonders geeignet, denn in diesem Erziehungsbereich, der mit unserer Gesellschaftsordnung besonders innig verfilzt ist, sind die Sexualtabus fast unverändert erhalten geblieben, und in keiner anderen Erziehungssparte wurden die Interessen des Individuums von jeher so weitgehend negiert. Unmittelbarer, als es sonst in der Erziehung der Fall ist, kann daher die Sexualerziehung zur Durchsetzung politischer Interessen instrumentalisiert werden. Sexualerziehung kommt unverschleiert zu sich selbst: Sie wird politische Erziehung.

Es ist ungewöhnlich, Sexualerziehung in erster Linie als politische Bildung zu verstehen. Dabei beweist die gesamte anthropologische Forschung, daß in jeder Gesellschaft die Hauptarbeit des Sozialisierungsgeschäfts darin besteht, die Heranwachsenden den Normen und Gesetzen anzupassen, denen das sexuelle Leben unterworfen ist. Indem das ursprünglich noch nicht festgelegte und vielgestaltige Sexualverhalten des Kleinkindes eingeengt und reguliert wird, geschieht gleichzeitig Training im Verzichten auf eigenwillige Bedürfnisbefriedigung, Disziplinierung eigener Wünsche und Interessen, schließlich Gewöhnung an die allgemein herrschenden gesellschaftlichen Zustände.